Predigt vom 17.1.2021 – zu Hause sein

2021-01-17_2._So._im_Jahreskreis

Zu Hause sein – Joh 1,35-42

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich Sie jetzt Frage: Wo sind Sie zu Hause?

Dann werden Sie wahrscheinlich antworten: Hier in Büren, in der Königstrasse, oder der Bruchstrasse, der Detmar- oder der Brenkener Strasse.

Aber das meine ich nicht. Ich möchte Sie fragen: Wo sind Sie mit Ihrer Seele zu Hause?

Vielleicht in Ihrer Familie, beim Ehepartner, bei den Kindern den Enkelkindern, den Eltern? Viele sind vielleicht allein zu Hause. Dann kann das traute Heim zur Qual werden, vor allem in diesen Pandemiezeiten, allein mit dem Fernseher, der zu Tode langweilen kann. Andere müssen beruflich zu Hause bleiben: Im Home-office, Eltern, Großeltern unterrichten die Kinder vor dem Computer. Beziehungen werden enger, spannungsvoller: Mensch, Du nervst mich. Kränkungen Verletzungen, die man nicht so leicht wegsteckt.

Wo bist Du zu Hause in deiner Stadt, in deinem Dorf? Ist Büren oder Brenken für dich Heimat? Sind die Menschen da Neben-Menschen oder eher Mit-menschen, also solche, die nicht aneinander vorbeiflitzen, sondern aufeinander zu gehen, miteinander das Leben bewältigen, nicht nur beim Schützenfest.

Wie bist Du zu Hause in deiner Kirchengemeinde? Fühlst Du dich wohl in Gruppen, in den Chören, in Vereinen, in der KFD, bei den Messdienern, den Schützen, der Seniorengruppe, wo auch immer. Bist Du daheim in den Gottesdiensten, hier in St. Nikolaus, in der Jesuitenkirche? Geben dir die seelische Ermutigung, Verankerung in der Liebe Gottes.

Gerade in diesen Coronazeiten definiert sich der Begriff „Heimat“ und „Zu-Hause-sein“ ganz neu und intensiv. Und mir fällt dann der alte Spruch ein: „Nicht da ist man zu Hause, wo man wohnt, sondern, wo man verstanden wird.“

Im Evangelium heute fragen die Jünger Jesus: Meister, wo wohnst Du? Und er nennt keine Adresse. Denn er hat kein Haus, keine Wohnung. Denn es heißt an anderer Stelle, nicht mal eine Höhle wie die Füchse hat er. Darum sagt er: Kommt und seht. Und sie gingen mit ihm und blieben den ganzen Tag, die ganze Nacht bei ihm. Sein Zuhause ist er selbst, seine Bereitschaft, Menschen mit-zu-nehmen, ihnen zuzuhören, mit ihnen in Dialog und Beziehung zu treten.

Liebe Mitchristen, dass ich in diesem Beruf bin, verdanke ich einen Menschen, bei dem ich als junger Mensch zu Hause sein durfte. Ich war als Jugendlicher in einem Internat, in dem ein Seelsorger die Leitung hatte, zu dem wir immer kommen konnten. Stunden lang, Abende lang saßen wir bei ihm und haben diskutiert über Wissenschaften, über Glauben, Politik, Kirche und Familie und vor allem über den Sinndes Lebens.

In diesen Zeiten, liebe Mitchristen, ist es wichtig, nach dieser Form des Zuhause zu suchen. Oft geht das nur über Telefon, Post oder digitale Vernetzung. Haben Sie sich dieses Jahr zu Weihnachten nicht etwas mehr als sonst über Briefe, Karten, Mails gefreut?

In den Jahren, als ich noch regelmäßig in einem Altenheim gegessen habe, da habe ich oft den Ruf von Bewohnen gehört: Ich will nach Hause. Und ich dachte: Die meinen doch nicht ein Haus aus Stein, sondern eine Atmosphäre der Geborgenheit. Auch für diese Menschen ist das heutige Evangelium geschrieben, und dann möchte ich es mal wie folgt erweitern:

Meister, wo wohnst Du?

So fragten Dich einst Deine Jünger.

Du sagtest: “Kommt und seht!“

Und sie gingen mit und blieben bei dir.

Meister, ich lebe im Altenheim.

Wer fragt mich: Wo wohnst Du?

Endstation: 24 Quadratmeter im Einzel-

14 im Doppelzimmer, das ist meine Welt.

Komm in meine letzte Heimat, Meister.

Komm und sieh, sieh die vielen Erinnerungen,

die Bilder über meinem Pflegebett;

ich schaue sie an in endlosen Tagen,

und des Nachts in meinen Träumen,

die mir erlauben zu sein, wie ich war:

schön und sympathisch, voller Pläne,

der Liebe ergeben, in Sehnsucht und Hoffnung.

Ich sehe die Kindheit, die Wiesen, die Blumen,

Familie, Geborgenheit, zärtliche Liebkosung.

Ich sehe – doch inmitten des Traumes:

plötzliches Erwachen– tut weh!!

Ich weiß nicht mehr, wo ich bin,

und stehe auf, beginne zu laufen,

endlose Gänge, Treppen und Winkel,

Fenster und Türen. Wo bin ich?

Hier oder woanders,

in längst vergangenen Tagen?

Meine Lippen formen Silben,

erst leise, gebrochen, dann immer lauter,

Worte werden zum Schrei:

Ich will nach Hause, ich will nach Hause!!

Da kommt jemand,

der nimmt meine zitternde Hand,

schaut mit Wohlwollen in meinen

irrenden Blick, legt seinen Arm

um mich und spricht zu mir:

Komm, wir gehen nach Hause!

Komm und sieh, bei mir darfst

du heute Nacht zu Hause sein.

Ich ging mit und ich blieb

die ganze Nacht bei ihm?

Am Morgen, da fragte ich mich:

Was ist denn geschehen?

War ich heute Nacht vielleicht

bei Dir zu Hause, Meister?“


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