Predigt vom 10.1.2021 – Taufe Christi – Impfe mich Gott

2020-01-10- Taufe Christi – Impfe mich, Gott

Mk 1,7-11

Als ich zum ersten Mal eine Reise antrat zu unserer Partnerstation, einem Hospital im afrikanischen Land Ghana, da musste ich das ganze Impfprogramm über mich ergehen lassen von Hepatitis bis zu Meningokokken. Denn die Westküste Afrikas gilt als die gesundheitlich gefährlichste Region der Welt. Ohne Impfung durften wir nicht aus- und einreisen. Von der Gelbfieberimpfung war mir tagelang richtig schlecht.

In Ghana selbst traf ich viele Menschen, die von verschiedenen Krankheiten infiziert und in der Regel nicht geimpft waren. Die meisten leben z.B. mit Malariabakterien und müssen oft heftige Fieberschübe ertragen, auch die deutschen Ärzte und Ordensschwestern. Fast schämte ich mich ein wenig, dass ich als Westeuropäer auf der sicheren Seite war, gegen Malaria zwar nicht durch Impfstoffe, aber durch Akutmedikamente geschützt, die man für einen begrenzten Aufenthalt einnehmen kann.

Nachdem auch in Deutschland durch das Coroanvirus eine pandemische Bedrohung aufgetreten war, entwickelten Forschungsinstitute mit einer riesigen Geschwindigkeit neue Impfstoffe gegen Covid 19. Manche feiern sie als moderne Heilsbringer, als Licht am Ende des Tunnels.

Wo sehen Menschen dieses Licht, die nie eine Chance auf einen Impfstoff haben. Allein an Malaria erkranken jedes Jahr 200 Millionen Menschen, und ein brauchbarer Impfstoff ist immer noch nicht entwickelt.

Ich fragte die afrikanischen Freunde: „Wo ist Licht für euch?“ Sie vertraten diese Meinung: „Endgültige Lebenssicherheit bringen uns Impfstoffe nicht. Bei uns sterben so viele Menschen in frühen Jahren. Wir leben hier in Hütten, die bei jedem schweren Sturm zusammen-brechen. Leben ist immer Leben im Provisorium, höchst zerbrechlich. Sicherheit gibt uns nur das Vertrauen in unsere große Familie, in Menschen, die zu uns halten und in Gott, der unser guter Vater ist und für uns sorgt, auch wenn wir sterben.“ Und die deutsche Kranken-schwester ergänzte. „Ohne diesen großen Vorrat an Hoffnung in mir, ohne diesen unerschöpflichen Glauben an die Auferstehung könnte ich so viel Leid und Tod nicht ertragen, wie ich es hier in Ghana erlebe. Das alles hier kann nicht das letzte Wort des Lebens sein.“

Eine Grunderkenntnis der Philosophie läßt sich auf den Nenner bringen: „Unser Leben ist ein `Sein zum Tode´.“ Es ist so menschlich, dass wir dieser Tatsache gern ausweichen. Aber auch die besten Impfstoffe und Medikamente können den Tod letztlich nur hinauszögern, aber nicht verhindern. Ich beneide die afrikanischen Freunde um diesen selbstverständlichen Glauben, dieses unantastbare nicht in Frage zu stellende Vertrauen in eine mütterliche und väterliche absolute ewige Instanz des Lebens.

Es hat mich erinnert an Sokrates, den großen Philosophen und Vater des abendländischen Denkens, von dem unter anderem Platon erzählt. Im Jahre 399 v. Chr. machte man Sokrates den Prozess, angeblich wegen Gotteslästerung und Verderbens der Jugend, die er eigentlich nur zum selbstständigen Denken bringen wollte. Sein Freund und Schüler Kriton besuchte ihn im Gefängnis und wollte ihm zur Flucht verhelfen. Sokrates lehnte ab, unter anderem mit folgender Begründung. Er sagte: „Sie, meine Ankläger, können mich zwar töten, aber schaden können sie mir nicht.“ Ein rätselhaftes Wort ist das. Sokrates begründet es nach Platon an einer Stelle so: „Der Tod als Übergang, Übersiedlung der Seele an einen anderen Ort ist etwas Gutes. Denn dann sehe ich dort all die anderen Verstorbenen wieder. Und was gäbe es Schöneres, als all die feinen Kerle zu treffen wie Orpheus oder Homer und die vielen, die mir freundlich begegnen und das Leben erklären.“

Für uns kann diese Lebenshaltung bedeuten, dass das Virus uns krank machen kann. Und viele hat es sogar getötet. Aber es kann der Seele nicht schaden, denn die ist letztlich auf Beziehung zum Göttlichen und auf ein Wiedersehen mit unseren Verstorbenen angelegt.

Darum ist es wichtig, sich impfen zu lassen gegen Covid 19, aber ebenso um die Impfung der Seele zu bitten, vielleicht mit diesen Worten:

Impfe mich Gott mit dem Serum des Urvertrauens,

das meine Angst überwindet, alt zu werden,

allein dazu stehen und verlassen zu sein,

Impfe mich Gott mit dem Stoff des Selbstvertrauens,

damit ich meinen Aufgaben gewachsen bin

und sehe, wer mich braucht und wen ich brauche,

Impfe mich Gott mit Heiterkeit und Gelassenheit,

damit ich in Traurigkeit tröste und getröstet werde,

Impfe mich Gott mit Ehrfurcht vor dem Leben,

damit ich unsere Geschwister, die Tiere und Pflanzen achte,

Impfe mich Gott mit dem Atem der Liebe,

damit ich mich bergen kann im Spiel der Geschöpfe,

Impfe mich Gott mit Tapferkeit und Courage,

damit ich der Ausrottung der Lebensräume widerspreche,

Unrecht benenne und Wege der Wahrheit weise,

Impfe mich Gott mit dem Geist der Ewigkeit,

damit ich das Licht am Ende des Tunnels erkenne,

und deine Hand finde am anderen Ufer des Lebens.


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