Predigt vom 6.6.2021 – Kirche am toten Punkt?

2021-06-06_10._So._J.
Kirche am toten Punkt? Rücktritt Kardinal Marx

Liebe Schwestern und Brüder,
Die Kirche ist an einen toten Punkt gekommen. So hat Kardinal Marx gesagt, als er in Rom seinen Rücktritt eingereicht hat. Ich kenne Reinhard Marx noch von früher. Wir haben während des Studiums zeitweise auf dem gleichen Flur gewohnt. Später, als er Weihbischof in Paderborn war, haben wir im Vorstand des Priesterrats zusammengearbeitet. Theologisch war er damals immer ziemlich konservativ, aber trotzdem stets ein lebensfroher optimistischer Typ. Ein Standardspruch von ihm lautete: Die Kirche hat 2000 Jahre überstanden, sie übersteht auch diese Krise. Wenn der jetzt sagt, die Kirche sei an einem toten Punkt angelangt, und die Brocken hinwirft, dann ist es wirklich ernst.

Toter Punkt heißt doch: Da ist jegliches Leben, jede Begeisterung aus der Kirche ausgezogen. Man weiß nicht mehr, wie es weitergeht. Man kann machen, was man will, der Begriff katholische Kirche ist bei über 90 % der Bevölkerung negativ konnotiert, steht nur noch in Verbindung mit pädophilen Priestern, Reichtum, Selbstherrlichkeit und Arroganz der Macht. Sie alle scheinen diese Kirche nicht mehr zu brauchen. Da wachsen ganze Generationen von Menschen ohne Kirche auf. Die meisten sind formell zwar noch Mitglieder der Kirche, aber sie interessiert sie einfach nicht mehr.

Fehlt nichts, wenn Kirche fehlt? Ich stelle mir manchmal vor, was wäre aus mir geworden, wenn ich ganz ohne Kirche aufgewachsen wäre? Klar, bei mir ist es undenkbar, weil Kirche mein Beruf ist seit fast 46 Jahren. Aber wie ist das bei Ihnen? Wäre das Leben dasselbe Leben ohne ihre Geschichte mit der Kirche?
Hätten sie ein absolutes Grundvertrauen in das Leben, in die Liebe, die Hoffnung in ein ewiges Leben, in Auferstehung, in einen Gott, der vielleicht doch Regie über ihr Leben führt? Ohne Kirche, hätten wir da diese Grundlagen?

Woher hätten wir ein Verständnis bekommen für Werte, Regeln im Leben? Z.B. die goldene Regel nach Mätthäus: Behandle andere so, wie du selbst von ihnen behandelt werden willst.
Wenn Sie sagen, das hätte ich alles auch ohne Kirche, dann brauchen wir sie tatsächlich nicht.
Aber vielleicht bekommen wir eine Ahnung davon, dass es um mehr geht als um Kardinal Wölki und das Kleben an der Macht oder um Weltfremdheit und Sturheit der Organe im Vatikan oder den Generalvikariaten. Es geht um unser Leben und unser Zusammenleben, um unsere Hoffnung in der Aussichtslosigkeit des Todes.

Im Jahre 2014 war ich in den letzten Wochen dabei, als ein ziemlich bekannter Chefarzt einer Klinik starb. Er war evangelisch, hatte aber nie großen Kontakt zu seiner Kirche. Nicht lange vor seinem Tod schrieb er ein Testament mit dem Titel „Gedanken am Abend meines Lebens“ über mehr als 30 Seiten. In diesem Brief zeigte er sich überrascht davon, wie sehr ein christlicher Horizont unbewusst sein Leben beeinflusst hatte, seine Art, Nächstenliebe zu üben als Arzt und Menschen in der Aussichtslosigkeit des Todes mit der christlichen Botschaft Hoffnung zu machen, und wie sogar mit fortschreitendem Alter auch Gott selbst sein Thema wurde. Und endet dieses Testament mit einem Brief an Gott, in dem es heißt:
Hallo Gott, ich bin kirchlich in einem Milieu aufgewachsen, dass ich als gleichgültig bezeichnen möchte. Es gab bei uns keinen Kirchgang, kein Tischgebet. Aber in meinen späteren Jahren stieß ich immer wieder auf Menschen, die oft sehr krank waren, deren festen Glauben ich aber bewundert habe, mehr noch, um den ich sie beneidete.
Da waren so einige meiner Patienten, die Geborgenheit fanden in ihrem Glauben. Obwohl sich mein Bild von Dir, Gott, in meinen frühen Jahren eher mit Gleichgültigkeit, Angst und Ungewissheit verbunden hat, bin ich jetzt an einem Punkt gelangt, an dem ich tief in meinem Innern eine Sehnsucht nach Hingabe in deine Führung verspüre, Gott?

Das ist auch Kirche: vertrauensvoll, hoffnungsvoll miteinander leben. Diese Kirche im Kleinen habe ich in den letzten Wochen in Siddinghausen erlebt, z.B. gestern, als wir mit den Kommunionfamilien das jüdische Pesachmahl gefeiert haben und die Kinder in der Kapelle von Holthausen plötzlich unzählige religiöse Fragen hatten, oder Fronleichnam unterm Kirchturm, das Gemeindegebet für ein verstorbenes Kind im strömenden Regen, die Hausbesuche und die Treffen mit liebevollen oder traurigen Menschen, das alles ist Kirche im Kleinen und kommt nie im Fernsehen vor. Kirche ohne Pomp und Macht, Kirche, wie sie der bescheidene Wanderprediger von Galiläa gewollt und gelebt hat. Amen.

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