Predigt vom 10.7.2022 – Liebesgebot

Schrifttexte Dtn 30,10-14 – Lk 10,25-37

Doppelgebot der Liebe

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein Kind besuchte jeden Tag einen Steinmetz, der aus einem großen Stein-Block eine Skulptur schaffen wollte. Das Kind fragte den Steinmetz: Was machst Du da? Der antwortete: Das ist mein Geheimnis. Am nächsten Tag kam der Junge wieder und sah, dass der Stein schon sehr bearbeitet war und fragte den Künstler: Warum machst du  den Felsen denn kaputt? Ich mache ihn nicht kaputt, ich entlocke ihm nur sein Geheimnis, antwortete der. So ging das viele Tage und Wochen weiter. Am Ende war die Skulptur fertig, und in der Werkstatt stand die Figur eines Löwen. Da kam das Kind wieder und fragte den Künstler: „Woher wusstest Du denn, das da ein Löwe drin steckte.“ Und der Bildhauer erklärte: Ich habe mich einfach in den Stein hineinversetzt, ich habe mit ihm gearbeitet und ihn lieben gelernt und irgendwann entdeckt: Dieser Stein ist ein Löwe.

So ist es Ihnen vielleicht auch gegangen in dieser Woche: Sie haben mit dem Material, dem Holz, dem Stein gearbeitet und haben es lieben gelernt durch Ihre Ausdauer und Beständigkeit. Und jetzt zeigt es, was in ihm steckt: Eine Meeresschnecke, Ein Weltenbaum, eine Vogeltränke,  ein Hausschild..

Vielleicht hatten sie vorher einen Plan, was sie herausholen wollten aus dem Material, vielleicht ist aber unter ihren Händen einfach entstanden, womit sie nicht gerechnet haben. Und jetzt sagen Sie: das ist ja herrlich.

Ich glaube, dass Ihre Kunstwerke Bilder für uns selbst sind, dass vielleicht mehr in uns steckt als wir im alltäglichen Leben glauben. Bei seiner Antrittsrede als südafrikanischer Präsident 1994 hat Nelson Mandela seinen durch die Apartheit gedemütigten Landsleuten zugerufen: Es ist vielmehr eure Stärke, die ihr fürchtet, als eure Schwäche. Ihr habt keinen Grund, euch klein zu machen, zu  schrumpfen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns steckt. Sie ist nicht nur in einigen von uns: Sie ist in jedem Menschen.“ Im Grunde ruft Mandela diesen Menschen, die oft nicht mal Schuhe an den Füßen hatten, zu: In euch allen steckt ein Löwe, weil ihr von Gott seid,  darum zeigt euren Löwenmut.

Liebe Mitchristen: In uns allen steckt mehr als wir uns oft zutrauen. Wenn wir dieses Mehr ausprobieren, dann macht es uns glücklich, wie Sie vielleicht in diesen Tagen hier gemerkt haben.

Das Mehr, das in uns steckt, ist immer ein Stück von der Herrlichkeit Gottes, oder wie es in der heutigen Lesung aus Deuteronomium heißt: Das Wort, das Gott gegeben hat, findest Du nicht jenseits der Wolken oder der Meere, nein, es ist in deinem Herzen. Es ist das Wort von der Gottes- und Nächstenliebe, wie Lukas ausführt. Den Herrn und Gott sollst du lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.  Wenn du also glaubst, dass die Herrlichkeit Gottes in dir ist, dann ist die Liebe kein eisernes gnadenloses moralisches Gebot, sondern ein Geschenk, und dann heißt es: Weil Gott in dir ist, musst du nicht, dann wirst du Gott lieben und deinen Nächsten, denn er ist genau wie du.

Es hat den Evangelisten Lukas, der sich ja als Anwalt der gedemütigten, gestrandeten, ausgespuckten, am Rand lebenden Armen Menschen verstand, zur Weißglut gebracht, dass die Priester und die Tempeldiener seiner Zeit ständig an dem leidenden oder an dem im Menschen kleingemachten Gott vorbeiliefen, weil die Tempelhierarchie über alles ging. Dieses Evangelium vom barmherzigen Samariter ist zeitlebens eine Anfrage an meinen Beruf gewesen, nach dem Motto: Bist Du eigentlich Seelsorger oder bist Du Kultpriester. Steckt in dir die Eitelkeit oder die Gottes- und Nächstenliebe?

Manchmal wird dieses Gleichnis in ganz kleinen gelebt. In Winterberg sah ich zwei Kinder, die um eine Katze knieten, die sich furchtbar im Todeskampf quälte und zuckte. Sie war von einem Auto überfahren worden. Der Autofahrer, der das ja gemerkt haben musste, war längst weg, aber in den Kindern steckte die Samariterliebe. Auf ihren Handy riefen sie die Polizei an, die bald kam und sich um die Katze kümmerte.

Die Herrlichkeit Gottes, die Liebe also, wird zwischenmenschlich gelebt, in der Gemeinschaft auf der Hegge, aber auch in jeder Ehe und Familie.

Darum ein Wort zur Goldenen Hochzeit. Christian Morgenstern hat von der menschlichen Beziehung wie von einer Entdeckungsreise gesprochen und schreibt: „Das größte Glück ist es, bei dem Menschen, den wir lieben, immer neue Tiefen zu entdecken, die uns immer mehr die Unergründlichkeit seiner Natur nach ihrer göttlichen Seite hin offenbaren.“ Er meinte, nur wenn man die Partnerschaft als eine täglich neue Entdeckungsreise versteht, kann man sie 50 Jahre durchhalten

Ich möchte euch als kleines Andenken an diese Feier die Biographie schenken von einem Mann, der im Augenblick jeden Tag im Fernsehen ist, von Präsident Wolodymyr Selenskyj, jenem Schauspieler, der auf ganz brutale Weise entdecken musste, dass ein Löwe in ihm steckt. In einem Interview mit der Times hat er gesagt, woher er diese Kraft nimmt. Die Times fragte ihn: Mit welchem Staatschef in der westlichen Welt, die ständig mit Ihnen telefonieren, können Sie am besten reden? Spontan antwortet Selenskyj: „Mit meiner Frau.“
Löwenmut aus der Liebe.


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Ein Gedanke zu „Predigt vom 10.7.2022 – Liebesgebot

  1. Lieber Herr Auffenberg,die Predigt hat mich sehr angesprochen! Kennen sie mich noch? Es ist schon viele Jahre her, als wir öfters mal miteinander gesprochen haben. Ich würde Sie gern mal in der Hegge
    besuchen. Mein Mann ist vor drei Jahren gstorben,die Kinder sind alle weit weg.Mit herzlichem Gruß ihre Gertrud Singer.

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