2020-12-31_Sylvester Num 6,22-27
Atmen können
Liebe Schwestern und Brüder,
im vorigen Jahr 2019 habe ich die Weihnachtstage in aller Stille im Kloster Helfta in Sachsen Anhalt in der Nähe von Halle verbracht. Dort lebt eine beschauliche Ordensgemeinschaft der Zisterzienserinnen im Tagesrhythmus von Ora et labora. Insgesamt sieben Gebetszeiten, die morgens um 5.00 Uhr mit den Vigilien beginnen und abends um 20.00 Uhr mit dem Abendgebet, der Komplet, enden, bestimmen den Tagesrhythmus. Dazwischen Arbeit und Mahlzeiten. Ich fragte eine der Schwestern: „Was veranlasst eine junge Frau wie Sie, in einen solch kontemplativen Orden einzutreten.“ Sie antwortete: „Ich wollte wieder atmen können, und ich will, dass die Menschen atmen können. Denn ich drohte zu ersticken unter dieser Commerz- Konsum- und Leistungsgesellschaft“! Was meinte sie damit: ich wollte wieder atmen können? Mir wird bewußt, dass ich ungefähr 5000 mal am Tag atme. Dann waren das im Jahr 2020 ungefähr 1.825000 Atemzüge. Und jeder Atemzug des vergangenen Jahres war ein Geschenk des Lebens.
Aber die Schwester meinte noch etwas anderes. In der lateinischen Sprache ist das Wort für Atem spiritus dasselbe wie für den Geist Gottes.
„Wenn ich mehrmals am Tag in Gott atme, dann erhebt das meine Seele“, sagte die Schwester. „Und wenn hier mitten in einer Stadt wie Eisleben-Helfta, in der 94% der Menschen konfessionslos sind, der Geist eines Klosters in Gott atmet, dann hat das auch Auswirkungen auf die scheinbar ungläubigen Menschen dieser Umgebung. Viele wissen, dass wir Schwestern an sie denken und ihr Leben mit Gott verbinden.“
Zur Jahreswende fragen sich viele: Was habe ich vom Leben noch zu erwarten? Was erwarte ich von diesem kommenden Jahrzehnt? Im Glauben muss ich die Frage eigentlich umdrehen, anders stellen: Was erwartet das Leben, was die kommenden Jahre von mir?
Denn dieses Jahr 2020 hat uns völlig überrascht. Wer hätte am 31.1.2019 gedacht, dass uns schon sehr bald eine Pandemie überrollt. Im Unterschied zu einer Epedemie, die auf eine bestimmte Region begrenzt ist betrifft eine Pandemie alle. Im Wort kommt es vom griechischen Pan – Demos, das ganze Volk.
Schon im März, als ich die bedrückenden Bilder aus Bergamo in Norditalien sah, da kam mir das Thema Atem wieder ganz nah.
Menschen, die künstlich beatmet werden mussten. Es gab zu wenig Beatmungsgeräte. Wenn retten wir, wen nicht? Und dann die Helden. Ein Priester von 78 Jahren gab sein gerät an eine junge Mutter ab mit der Bemerkung: Man braucht sie nötiger als mich.
Und wie war das mit der Erfahrung, in Gott zu atmen? Die Gottesdienste wurden eingestellt in der ersten Welle. Und trotzdem hatten Menschen das Gefühl, in Gott amten zu müssen gerade in Zeiten, wo niemand weiß, wie es weitergeht. Die Kirchen waren gut besucht von vielen vielen stillen Betern. In Zeiten der Bedrohung muss man sich verbinden mit dem Grund und dem Ziel des Lebens.
Ostern habe ich gedacht: das kann doch nicht sein, dass dies seit vielen Jahrhunderten das erste Mal ist, dass sich Gemeinde nicht zum Fest der Auferstehung versammelt. Ich bin zum Sonnenaufgang um 5.30 Uhr zu Siddinghauser Friedhof gefahren. Mit einer Handvoll Leuten haben wir die Osterkerze entzündet und mit Gebeten feierlich in die Kirche gebracht. Wir waren sehr allein, und doch nicht allein. Eigentlich waren wir mit Tausenden und Abertausenden von Menschen zusammen, die auf dem Friedhof beigesetzt sind. Dass wir als Christen immer Gottesdienste feiern mit allen, die vor uns gelebt haben, wurde mir da sehr bewusst. Das war auch Weihnachten so. Zuerst bist Du natürlich enttäuscht über die vielen leeren Reihen. Aber dann denkst Du, sie sind ja auch jetzt alle hier, die vielen Menschen die im Laufe der Jahrhunderte in Siddinghausen Mensch geworden sind; und auch die anderen sind hier, die jetzt hier leben, obwohl sie nicht da sind, sind sie da. Denn wie die Schwester in Helfta sagt: Wir verbinden immer alle, die hier leben, mit Gott.
Obwohl ich seit fünf Jahren nur ehrenamtlich hier arbeite und nichts zu sagen habe, möchte ich doch an den Schluss ein herzliches Danke-schön setzen. Danke an alle, die in diesem schweren den Betrieb hier aufrecht erhalten haben. Allen, die vom Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat durch den Ordnerdienst ermöglicht haben, dass wir die Kirche öffnen konnten, den Organisten, Kantoren danke ich, dass sie durch ihre besonderen Fähigkeiten den Mangels des Nicht-Mit-Singens der Gemeinde ausgeglichen haben. Das gilt auch für die Gruppen, die draußen Musik gemacht haben. Der Küsterfamilie Henneke und anderen Mitarbeitenden danke ich für die erhebliche organisatorische und inhaltliche Leistung. Ich danke allen Mitarbeitenden, ob in den Gremien, der Caritas, in den Verbänden, dass sie intensive Wege gegangen sind zu den Menschen in den Häusern, zu Familien, aber auch zu Alten und Kranken.
Wenn ich das Resümee dieses Jahres auf ein Satz bringen sollte, dann könnte man sagen: Zahlenmäßig sind wir in unseren Gottesdiensten vielleicht wenige geworden, aber von der inneren seelsorglichen Glaubensverbindung untereinander sind wir mehr geworden. Ist uns in diesem Jahr nicht allen klar geworden, dass unser Leben sehr zerbrechlich und begrenzt ist, und dass die letzte absolute Hoffnung wie bei dem alten Pfarrer in Bergamo nur in Gott liegt.
Vater unser betest, dann sind das nur vierzehn Atemzüge von 5000 am Tag.