Predigt vom 24.12.2020 – Weihnachten – Verstossen

2020-12-24_Weihnachten

Verstossen

Lk 2,1-14

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie fanden keinen Platz in der Herberge…“. Das finde ich den aufregendsten Satz in der Weihnachtsgeschichte. Die Flüchtlingsfamilie findet kein Zimmer, weil zuvor die Herzen verschlossen waren

Wie das heute aussehen kann, dass Menschen auf verschlossene Türen in den Herzen stossen, möchte ich an einem Beispiel erzählen, das ich in den 90x Jahren erlebte, als ich noch Pfarrer in Wiedenbrück war.

Dort traf ich einen Lehrer, der keinen Zugang zu den Schülern der 7. Klasse seiner Hauptschule fand.

1993 war dieser Mann von Leipzig nach Westfalen übergesiedelt. Im Oktober 1989 hatte er noch zum Führungskomitee der Friedensgebete in der Nicolai – Kirche und der Demonstrationen in Leipzig gehört.

Jetzt hatte er seine Schüler in der Hauptschule streng und hart angefasst, damit sie etwas lernten. Die Schüler beschlossen daraufhin: Diesen Lehrer machen wir fertig und dachten sich dazu etwas ganz Gemeines aus. Jeden Nachmittag zogen einige von ihnen vor die Wohnung des Lehrers und schrien im Chor: LEIPTIG; LEIPZIG; GEH ZURÜCK NACH LEIPZIG. Das war Psychoterror. Wie versteinert saß der Lehrer an seinem Schreibtisch. Es tat ihm bis auf den Grund seiner Seele weh. Fragen kamen in ihm auf: War er nicht damals in den Nächten der 100.000 Kerzen in vorderster Reihe marschiert 1989. Friedenslichter wie Weihnachtslichter, hatten sie in den Händen gehalten. Waren das nicht Abende, Heilig Abende für Deutschland? Hat Gott nicht hier sein größtes Wunder gewirkt: Revolution durch Gebete?!

Derselbe Lehrer, der damals so viel Mut bewiesen hatte, sagt jetzt: Die Gewehrläufe der Volksarmisten haben mir nicht so viel Angst gemacht wie dieser durchbohrende Schlachtruf der Schüler: LEIPTIG; LEIPZIG; GEH ZURÜCK NACH LEIPZIG.

Er fand keine Herberge in den Herzen dieser Schüler.

Nicht gewollt zu sein, verstoßen zu werden, das ist die größte Kränkung, die ein Mensch ertragen muß. „Von allen abgelehnt zu werden“, sagt der Psychoanalytiker Erich Fromm, „ist für einen Menschen schlimmer als der Tod.“

Die Weihnachtsgeschichte erzählt, dass es unserem Gott nicht anders ging, als er mit Maria und Josef damals Herberge suchte, um zur Welt zu kommen. Da standen natürlich keine Kinder, die gerufen haben: NAZARETH, NAZARETH, GEHT ZURÜCK NACH NAZARETH! Erwachsene machen das vornehmer, aber ebenso gnadenlos: Tut uns furchtbar leid, wir haben für die Feiertage schon alles ausgebucht und die letzten freien Plätze, die sind schon lange vorreserviert. Natürlich, wir sehen, dass sie hochschwanger sind, gnädige Frau, aber sie müssen auch uns verstehen.“ Und hinter dem Rücken denken sie: „Das fehlte mir noch, so eine Asozialenfamilie aufzunehmen, die nix auf der Tasche hat.“

Da bleibt unserem Gott nichts anderes übrig, als in einem Stall, in der Absteige zur kalten Heimat, Endstation Sehnsucht, bei den Hirten, den Out – Laws der damaligen Gesellschaft , zur Welt zu kommen. Reihenweise hatten die Bürger von Betlehem die Ankunft Gottes in ihrer Stadt verpasst. Sie hatten einfach nicht damit gerechnet, dass er ihnen in Gestalt einer hilfesuchenden Flüchtlingsfamilie entgegenkommt.

Und wo begegnet uns Christus heute?

Das osteuropäische Hilfswerk Renovabis berichtet, dass in Belarus viele Priester und Ordensleute inzwischen in den Focus des Lukaschenko-Systems geraten sind. Es reicht in Belarus aus, wenn man auf der Kanzel die Weihnachtsbotschaft verkündet, wenn man also sagt, man für Frieden sei und gegen Gewalt. Dann wandert man für einige Wochen ins Gefängnis. Der Weihbischof von Minsk sagt: wenn wir sagen, dass wir dagegen sind, dass man Menschen schlägt, dass wir gegen Folter, gegen Gewalt sind, dann riskieren wir Strafen der Diktatur. Ist das nicht ein Treppenwitz der Geschichte: In Belarus streben die Menschen wie 1989 in Leipzig in die Kirchen, um sich von Gott und der Gemeinde anstecken zu lassen mit Mut, Zuversicht und Zivilcourage. Bei uns meiden viele die Gottesdienste, weil sie fürchten, sich mit einem Virus anzustecken. Ist die Angst größer als die Sehnsucht nach Zuversicht aus dem Glauben. Nur ein Frage, mehr nicht.

Eines Tages werden wir aufwachen“, sagt der Kabarettist Hans Dieter Hüsch, „und feststellen, dass wir gar nicht richtig gelebt haben. Klar, wir haben Häuser gebaut und Geld gescheffelt, wir haben gehortet und Besitz angeschafft und erst spät gemerkt, dass man Zufriedenheit nicht kaufen kann. Aber alles wird einmal vergehen, und dann werden alle, alle einsam sein an manchen Tagen, die bis in die Nächte reichen. Und dann wird es ein großes Erkennen und Erleben in uns geben, dass Jesus Christus einzig und allein in uns dann übrig bleibt, er ist der erste und der letzte Trost auf Erden wie auch im Himmel, wo er uns eines Tages alle, alle in die Arme nimmt.“ Amen.


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