Predigt vom 29.05.2022 – Katholikentag – Leben teilen

Katholikentag – Leben teilen

Joh 17, 20-26

Liebe Schwestern und Brüder,

„In der Situation, in der  wir jetzt sind, betrügen wir viele Menschen um eine Brücke zu Gott, und das ist das, woran ich leide“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, im Rahmen einer Diskussion auf dem Katholikentag in Stuttgart. „Ich schöpfe daraus die Kraft, alles zu tun, was in meiner Macht steht, es zu verändern.“

Das ist ein Satz „wir betrügen die Menschen um eine Brücke zu Gott.“ Warum? Weil wir uns zu sehr zerstreiten zwischen konservativ und progressiv, synodalen Prozess, Reformen oder „alles soll bleiben wie es ist“, Frauen ins Amt oder Männerkirche für ewig, Lähmung und Vertuschung im Missbrauchsskandal. Bei alle diesen Themen der Selbstbeschäftigung, meint Bätzig, verlieren wir unsere eigentliche Aufgabe aus dem Blick, nämlich den Menschen eine Brücke zu Gott zu bauen.

Was heißt das konkret? Ich hatte gestern einen Einkehrtag mit Mitarbeitenden aus stationären und ambulanten Hospizdiensten aus Soest und Werl. Die Hälfte der Mitarbeitenden erklärte bereits bei der Vorstellungs- und Erwartungsrunde, dass sie aus der Kirche ausgetreten seien. Aber alle waren sich einig, dass der Mensch im Sterbeprozess eine übernatürliche Kraft braucht und die Hoffnung auf diese Brücke, die in eine andere Dimension des Lebens führt, an das andere Ufer unseres Daseins. Wir haben uns dann auf die Formel geeinigt: Wir sterben mit Gott auf Gott hin. Aber wenn wir das vom Sterben sagen, dann muss es doch auch für das Leben gelten: Wir leben mit Gott auf Gott hin. Und genau das erleben Menschen so wenig in der Kirche. Kardinal Marx hat es im Jahre 2018 im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal einmal so gesagt: Die Menschen glauben uns nicht mehr. Für eine Gemeinschaft, deren Kerngeschäft Glauben, Vertrauen ist, ist das eine Katastrophe.

Der 102. Katholikentag versucht mit seinem Leitthema darauf eine Antwort zu geben. Es heißt das „Leben teilen“. Die Menschen glauben uns solange nicht mehr, als das Gleichnis des Miteinanderteilens nicht nur in Worten postuliert, sondern konkret gelebt wird. Wir haben in der Kirchengeschichte dafür konkrete Beispiele. Ich nenne zwei.

Drei Wochen vor Beendigung des 2. Vatikanischen Konzils, am 16. November 1965, trafen sich 40 Bischöfe in Rom in der Domitillakatakombe und schlossen den sog. Katakombenpakt, der besagte, dass sie auf ihre Privilegien verzichten und das Leben mit den Ärmsten teilen wollten. In der Folge zogen sie aus ihren bischöflichen Palästen aus und begnügten sich mit wenigen Zimmern in einer Mietwohnung. Statt mit der Limousine fuhren sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln: alle Rücklagen wollten sie spenden und statt mit Eminenz, Exezellenz oder Prälat wollten sie nur noch mit Padre, Vater, angesprochen werden. Als Erzbischof von Buenos Airs hat unser jetziger Papst auch Teile davon gelebt.

Der Katakombenpakt hat schließlich die Bischofskonferenzen von Medellin und Puebla in Südamerika beeinflusst, aus denen die Kirche der Befreiung mit der radikalen Option für die Armen entstand ist.

„Leben teilen“ 102. Katholikentag. Das wurde auch umgesetzt, als man 1974 in Taizé das Konzil der Jugend ausrief.

In den Briefen an das Volk Gottes forderte Frére Roger genau das von der Hierarchie der Kirche, was der Katakombenpakt zu leben versuchte.

Den zweiten Brief an das Volk Gottes schrieb er zusammen mit Mutter Teresa von einer der ärmsten Städte der Welt aus, von Chittagong in Bangladesh. Dieser Brief richtete sich jetzt an jeden einzelnen Christen mit dem einprägsamen Höhepunktsatz: Teile alles, was Du hast, du wirst darin Freiheit finden, teile deine Wohnverhältnisse, deine Mahlzeiten, verzichte auf Rücklagen, denn im Anlegen von Rücklagen liegt der Beginn der Ungerechtigkeit. Und dann fragen sich Roger und Mutter Tersea: Woher die Kraft nehmen, um solche Wagnisse einzugehen?

Allein aus der Beziehung, also der Brücke zu Gott. Denn er ist der Gott des Vertrauens, er ist dein Urvertrauen. Teilen führt zur Einheit im Gottesvolk, das also worum Jeus heute in Evangelium bittet.

Darum ist Taizè ein Ort der Internationalität, der Ökumene und der Offenheit.

Als ich 1978 zum ersten Mal mit einer Jugendgruppe nach Taizè zum Pfingsttreffen nach Taizè kam, das hatten sich zum Pfingsttreffen 15.000 Jugendliche angemeldet. Man wollte niemanden abweisen und stellte eine Reihe von Armeezelten auf, und weil die Kirche viel zu klein war, brach man die Rückwand der Kirche ab und schloss eine großes Zirkuszelt an, das viele Jahre bestand. Der Geist Gottes braucht keine Wände

Bis heute geht eine große Faszination von Taizè und seinen Jugendtreffen aus, nicht nur wegen der wunderbaren Gesänge, sondern weil dort der Kern des Neuen Testaments, die egalitäre Gesellschaft Jesus glaubwürdig gelebt wird, und sich durch Bibelarbeit und Gebetszeiten regelmäßig auf die Brücke zu Gott und die der Einheit bewegt.  Viermal im Jahr erscheint heute ein Brief aus Taizè und immer wieder geht es ums Teilen. So schreibt im letzten Brief, Michael, ein 20-jähriger, der sein freiwilliges Jahr dort verbracht hat:

Ich habe hier gemerkt, dass wir im Leben nicht nur materielle Dinge, sondern auch Freude und Leid, kulturelle Hintergründe, Erinnerungen, Zweifel, Zuversicht, Vertrauen und Glauben teilen können. Oftmals tun wir dies unbewusst – doch wie schön ist es, wenn wir diese Momente des einfachen Teilens im Alltag bewusst wahrnehmen!


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