Predigt vom 20.3.2022 – Mariupol

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Mariupol

Liebe Schwestern und Brüder,

Mariupol heisst die Stadt, in der die Menschen in diesen Tagen unendlich leiden. Mariupol, zu deutsch Marias Stadt. Die Menschen befinden sich seit Wochen in Kellern, oft ohne Brot und Wasser. Vielleicht flehen sie die Patronin ihrer Stadt an „Maria breit den Mantel aus, mach Schirm und Schutz daraus…“ Beschütze uns vor den russischen Bomben. Oh Maria hilf.
Das Gebet gibt innere Kraft, aber es kommt niemand, der wie im mythischen-magischen Glaubensbild – vom Himmel fährt und die Bomben und Raketen abwehrt.

Was Menschen in dieser Situation erleben und glauben, las ich anschaulich in diesem Tagebuch der Polina Scherebzowa. Sie begann ihr Tagebuch kurz vor dem ersten Tschetschenien Krieg. Da war sie 9 Jahre alt. Sie beginnt mit diesen Sätzen:

„Sei gegrüßt, liebes Tagebuch. Ich lebe in der Stadt Grosny in der Zawjety-Iljitscha-Straße. Ich heiße  Polina Scherebzowa und bin  neun Jahre alt.“ Kriege werden ja heutzutage nicht mehr beendet. Sie werden einfach eingefroren und können jederzeit wieder ausbrechen wie in der Ukraine, wie in Tschetschenien. Putins  dreckigen Krieg nennt man den Tschetschenienkrieg, den man 2009 nach zehn Jahren eingefroren hat. Polina Scherebzowa hat über alle diese Jahre aus der Sicht eines Kindes und einer Jugendlichen Tagebuch geführt über diesen dreckigen Krieg in Tschetschenien.

Sie schreibt, wie ihr Schulweg vorbeiführte an Leichen von Soldaten, an denen  Hunde und Katzen nagten. Polina ist Tochter eines Tschetschenen und einer Russin. Der Krieg führt mitten durch ihre Familie. In der Schule beschimpft man sie als Russenschwein, obwohl sie selbst von einer russischen Bombe getroffen wurde.  Sie erzählt von ganz banalen alltäglichen Dingen wie dem ewigen Streit mit der Mutter, die unter dem Kriesgdruck hysterisch geworden ist und ständig ausrastet. Sie berichtet von  den Liebesregungen zu Mansur oder Maga, den Jungen ihres Alters.

Und dann wieder das Grauen. Die Nachbarsfamilie, die sie tot im Wohnzimmer findet und das Weglaufen von der Schule unter Beschuss, der Mitschülern das Leben kostet. Es kommt schließlich der Tagebucheintrag vom 22. Oktober 1999. Da ist sie 14 Jahre alt.  Grelle Blitze, Einschlag von Granaten rundherum. Sie wird getroffen, ihre Mutter auch. Furchtbare Schmerzen. Sie denkt: Jetzt kann mich keiner mehr retten, weder Mama noch andere Menschen. In ihr Tagebuch schreibt sie später: „Der Tod und ich, wir waren in dieser Welt miteinander verbunden. Da war nichts mehr, das zwischen uns treten und uns voneinander trennen konnte. Und dann war mir innerlich fast zum Lachen zumute, als ich begriff, wie unwichtig all das war, was ich hatte, nichts brauchte ich mehr von dem, nichts von meinen Sachen, den Taschen, den Wertgegenständen, den Spielen. Und ich begriff, nichts, absolut nichts von dem konnte ich mitnehmen.“

Polinas Tagebuch ist 2015 in deutscher Sprache auf dem Büchermarkt erschienen. Nach dem Urteil von Fachleuten ganz große Literatur. Polina Scherebzowa selbst musste  aus Tschetschenien flüchten und lebt heute versteckt in Finnland, körperlich und seelisch schwer gehandicapt. Fragt man die heute 29-jährige Polina, was sie denn in all den schrecklichen Jahren gerettet habe, dann sagt sie: Mein Tagebuch, bei dem ich Zuflucht fand, die Meditation und das Gebet. Am 26. Febr. 1997 schreibt die damals 12-jährige in ihr Tagebuch: Ich bete zu Gott, ob er Allah oder Jesus Christus heißt, ist mir egal. Ich lese gleichzeitig in der Bibel, im Koran und in der jüdischen Thora.

Eines ihrer Gedichte nennt Polina Scherebzowa Gebet und formuliert als 14-jährige: Wer Polina etwas Böses tut, der wird es merken.  Und „Wer Gott etwas Böses tut, der wird es merken.“ Es ist dasselbe: Gott und Polina, Gott und der Mensch. Denn im 17. Kapitel des Lukasevangeliums heißt es: Gott wohnt in jedem Menschen. Das ist der Wesenskern, der ewig ist: Das Göttliche in Dir. Darum tritt in Verbindung zu diesem Kern. Die Fastenzeit ist eine Chance dazu. Durch Meditation, inneres Stillwerden und Gespräch mit Gott oder vielleicht auch dem Führen eines Tagebuchs. Polina sagt: Das kann lebensrettend sein.

Mariupol, Stadt Marias. Mariupol ist auch unsere Stadt. Denn wir alle sind Kinder Marias, Kinder einer großen Mutter und eines großen Vaters. Und wir verbinden uns, vielleicht durch Spenden, vielleicht durch Gebet…

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