Predigt vom 14.7.2024 – Künstlertagung

Liebe Schwestern und Brüder,

in einem Dorf im Sauerland gibt es eine Schreinerei. Die Leute des Dorfes schauen gern mal in der Werkstatt vorbei, denn der junge Schreiner und seine Mitarbeiter machen gute Arbeit. Mehr aber noch kommen sie wegen des alten Schreiners, der aus dem Holz, was übrig ist, kleine Kunstwerke erstellt: Krippenfiguren, Heiligenporträts, Pflanzen Tiere. Die Leute sagen, der alte Schreiner ist ein weiser Mann, denn er weiß, dass alle Kreatur nicht nur ein Leben in sich birgt, sondern mindestens zwei oder drei. Spricht man aber zu dem alten Mann von seiner Weisheit, dann brummt er nur: Blödsinn.  Weiterlesen

Predigt vom 26.5.2024 Dreifaltigkeitssonntag – Das zugewucherte Ohr

Das zugewucherte Ohr

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,…

Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?

Einige Verse aus einem Gedicht von Nelly Sachs. Wie ginge es den Propheten, wollten sie die Botschaft Gottes zu den  Menschen unserer Zeit tragen? Weiterlesen

Predigt vom 14.4.2024 Ostersonntag – Gib mir Deine Hand

2024-04-14-3. Ostersonntag – Gib mir deine Hand

Liebe Schwestern und Brüder, 

einmal habe ich einen Kollegen besucht, einen guten Freund. Gleich am Anfang sagte er: „Ich muss gerade noch meinen Nachbarn besuchen, der hat heute Geburtstag. Gehst Du mit?“ Als wir vor der Haustür des Geburtstagskindes standen, merkte ich an: Was schenken wir ihm denn, wir haben ja nichts in der Hand. Darauf antwortete der Kollege: „Geben wir ihm doch einfach die Hand.“ Ich fand das ziemlich peinlich.

Aber was bedeutet denn die Geste des Handgebens als Begrüßung oder als Vermittlung guter Wünsche? Dem anderen die Hand zu geben ist ein uraltes, archaisches Ritual aus der Zeit, als die Menschen noch in Stammesverbänden lebten und sich ständig verteidigen mussten. Es will sagen: Ich komme mit offenen Händen zu dir, ich habe keine Waffen in der Hand. Ich habe sozusagen nichts gegen dich in der Hand. Ich akzeptiere dich, wie du bist. Weiterlesen

Predigt vom 17.3.2024 – Kafkaesk

2024-03-17-5.Fa.-So.- Kafkaesk

Liebe Schwestern und Brüder,

kafkaesk nennen wir das Leben, wenn es absurd, bedrohlich, rätselhaft wird, wenn wir das Gefühl haben, ganz ausgeliefert zu sein. Ist unsere Zeit so gesehen heute eine kafkaeske Zeit? Benannt nach Franz Kafka, der vor 100 Jahren, 1924, im Alter von erst 40 Jahren gestorben ist und heute mehr denn je gelesen wird. Das Lebensgefühl Kafkas drückt am ehesten diese Fabel aus: 

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.                (Franz Kafka, Kleine Fabel, in Die großen Werke, Bd.1, S. 501) Weiterlesen

Predigt vom 18.2.2024 – Nichts gelernt

2024-02-18-1.Fa._So.-Nichts gelernt 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich hab kürzlich eine ernüchternde Erfahrung gemacht. Ich war mit dem Buch „Kopf hoch – sonst siehst du die Sterne nicht“ zu einer Lesung in einer Bildungsstätte im Kreis Gütersloh. Das Buch ist entstanden auf der Höhe des Corona-Lockdowns im November 2020. Es geht darum, wie Menschen damals die Pandemie erfuhren und was wir vielleicht für die Zukunft daraus lernen. Danach habe ich Menschen per Telefon befragt. Viele positive Erfahrungen wurden genannt:  Weiterlesen

Predigt vom 11.2.2024 – Die alte Haut

2024-02-11-6. Sonntag im Jahreskreis – Der Mensch als alte Haut

Liebe Schwestern und Brüder,

La pelle, die Haut, so heißt ein italienischer Spielfilm, der im Jahre 1944 in Neapel spielt, als die Amerikaner dort einmarschierten. In ekelerregenden Bildern schildert der Film, wie es in diesem Kriegschaos zugeht, wie der Mensch erniedrigt, überrollt, besiegt, prostituiert und ausgebeutet wird, bis nur noch ein Aspekt von ihm übrig bleibt: Die Haut. Die Haut, die jeder zu retten versucht, die Haut, die man zu Markte trägt, die Haut, die man jemanden über den Kopf zieht, die Haut, die man so teuer wie möglich zu verkaufen sucht – der Mensch als alte Haut, als treue Haut, nackte Haut, verwundete Haut. Weiterlesen