Predigt vom 10.7.2022 – Liebesgebot

Schrifttexte Dtn 30,10-14 – Lk 10,25-37

Doppelgebot der Liebe

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein Kind besuchte jeden Tag einen Steinmetz, der aus einem großen Stein-Block eine Skulptur schaffen wollte. Das Kind fragte den Steinmetz: Was machst Du da? Der antwortete: Das ist mein Geheimnis. Am nächsten Tag kam der Junge wieder und sah, dass der Stein schon sehr bearbeitet war und fragte den Künstler: Warum machst du  den Felsen denn kaputt? Ich mache ihn nicht kaputt, ich entlocke ihm nur sein Geheimnis, antwortete der. So ging das viele Tage und Wochen weiter. Am Ende war die Skulptur fertig, und in der Werkstatt stand die Figur eines Löwen. Da kam das Kind wieder und fragte den Künstler: „Woher wusstest Du denn, das da ein Löwe drin steckte.“ Und der Bildhauer erklärte: Ich habe mich einfach in den Stein hineinversetzt, ich habe mit ihm gearbeitet und ihn lieben gelernt und irgendwann entdeckt: Dieser Stein ist ein Löwe. Weiterlesen

Predigt vom 26.6.2022 – Auf mich zu

Auf mich zu

Lk 9, 51-62

Liebe Schwestern und Brüder,

In China gibt es einen gefährlichen Strom. An einer bestimmten Stelle kamen die Schiffe immer wieder zum Kentern und verloren ihre wertvolle Ladung. Fachleute haben die Strömung erforscht und an einer genau berechneten Stelle im Strom einen Felsen aufgestellt. Darauf haben Sie die Worte „Auf mich zu!“ geschrieben. Zunächst sieht es so aus, als ob der Fels nur im Wege steht. Aber jeder Bootsfahrer, der sein Schiff auf den Felsen zu lenkt, kommt heil durch die Strömung und Untiefen hindurch. Der Felsen gibt Orientierung und hilft ihm, die gefährlichen Stellen zu vermeiden.

Heute leben wir in Zeiten, die turbulent sind, in denen wir ins Schwimmen geraten. Weiterlesen

Predigt vom 12.6.2022 – Dreifaltigkeit

Geist der Wahrheit

Schrifttext Joh 16, 12-15

Liebe Schwestern und Brüder,

Was hat es auf sich mit dem Geist der Wahrheit, von dem Johannes hier spricht?

Eine evangelische Pfarrerin (Morgenandacht) erzählte, dass sie in ihrem Gemeindehaus einen Sprachkurs leitet, an dem Afghanen, Syrer, Chinesen, Iraker, Rumänen, Bulgaren, Jesiden und noch Menschen anderer Nationen teilnehmen. Eines Tages machte sie mit dieser Gruppe einen Bummel durch die Einkaufszone ihrer Stadt. Als sie an der Kirche vorbeikamen, wollte die Gruppe hinein. Die Pfarrerin erklärte die einzelnen Elemente der Kirche. Irgendwann versammelten sich alle um den Taufstein. Eine Muslima lehnte sich auf den Beckenrand und sprach ganz ruhig den Satz zur Pfarrerin: „Es gibt doch nur eine Wahrheit.“

Aber wo liegt die Wahrheit? Meinte die Frau, sie liegt im Islam?
Dann wird es mir schlecht, wenn ich gleichzeitig realisiere, dass Dschihadistische Gruppen vor sieben Tagen, am Pfingstsonntag bei einem katholischen Gottesdienst Dutzende von friedlichen Kindern, Frauen und Männern brutal niedergeschossen haben. Nein, nein, sagte die Pfarrerin, das meinte die Muslima nicht. Sie meinte vielmehr die eine Wahrheit jenseits unserer menschlichen Interpretationen und religiösen wie konfessionellen Fixierungen.
Und die Pfarrerin sagt: Ich glaube das auch, dass es nur einen Gott gibt. Weiterlesen

Predigt vom 29.05.2022 – Katholikentag – Leben teilen

Katholikentag – Leben teilen

Joh 17, 20-26

Liebe Schwestern und Brüder,

„In der Situation, in der  wir jetzt sind, betrügen wir viele Menschen um eine Brücke zu Gott, und das ist das, woran ich leide“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, im Rahmen einer Diskussion auf dem Katholikentag in Stuttgart. „Ich schöpfe daraus die Kraft, alles zu tun, was in meiner Macht steht, es zu verändern.“

Das ist ein Satz „wir betrügen die Menschen um eine Brücke zu Gott.“ Warum? Weil wir uns zu sehr zerstreiten zwischen konservativ und progressiv, synodalen Prozess, Reformen oder „alles soll bleiben wie es ist“, Frauen ins Amt oder Männerkirche für ewig, Lähmung und Vertuschung im Missbrauchsskandal. Bei alle diesen Themen der Selbstbeschäftigung, meint Bätzig, verlieren wir unsere eigentliche Aufgabe aus dem Blick, nämlich den Menschen eine Brücke zu Gott zu bauen. Weiterlesen

Predigt vom 1.5.2022 Trauer nicht weg-ostern

Trauer nicht weg-ostern-wegtrösten

Joh 21,1-19

Liebe Schwestern und Brüder,

es sind traurige Tage bisher gewesen in diesem Jahr 2022, die uns führen auf Schlachtfelder, wo man selbst Kinder Frauen, Greise, Kranke sinnlos mordet, verhungern oder an Verletzungen ohne medizinische Versorgung sterben läßt.

Die Traurigkeit wird noch stärker, wenn man erlebt, wie ein so positiver Mensch wie Wiltrud Schlüter und so viele andere auch aus diesem Dorf  so plötzlich aus dem Leben gerissen werden, oder nach langem Leiden Abschied nehmen mussten. Weiterlesen

Predigt vom 15.04.2022 – Karfreitag – Der Kreuzschlepper

Der Kreuzschlepper

Johannespassion

Liebe Schwestern und Brüder,

in Wiedenbrück, der Stadt, in der ich 11 Jahre Pfarrer war, gibt es seit über 350 Jahren die Kreuztracht, eine Prozession, die mit einem verkleideten und maskierten Jesusdarsteller als Kreuzträger durch die Stadt zieht.  Kein Mensch weiß, wer der Kreuzträger ist, nur der Vorsteher des Franziskanerklosters und nach Auflösung des Klosters der Pfarrer von St. Ägidius. Es melden sich dazu Menschen, die oft eine schwere Schuld auf sich geladen haben und durch das Kreuz Wiedergutmachung leisten wollen. Das Kreuz ist groß, aber innen hohl. Innen wird es mit Steine gefüllt je nach dem Grad der Schwere, wie der jeweilige Kreuzträger das wünscht. Unterwegs hält die Prozession 7 x an, den sieben Fussfällen Jesu entsprechend. Als Pfarrer von St. Ägidius bin ich all die Jahre unmittelbar hinter dem Kreuzträger gegangen und sah, wie der maskierte Jesusdarsteller oft schwer zu schleppen hatte, die Füße zitterten und kaum noch Kraft war, sich auf den Beinen zu halten und nach den Fussfällen wieder aufzustehen. Und ich dachte: Das ist kein Träger, das ist ein mühsamer Kreuzschlepper. Weiterlesen