2020-12-13_ Dritter_Advent
Spring zu Gott
Joh 16,6-8.29-28
Liebe Schwestern und Brüder,
also mir geht es schon sehr unter die Haut, wenn ich in den Medien jeden Tag die Toten der Corona-Welle höre. 400, 500, fast 600 Tote jeden Tag. Bedenkt man, dass in Deutschland in normalen Zeiten ca. 2500 Menschen täglich sterben, dann ist die Zahl der Coronatoten schon sehr beträchtlich. Die Pandemie hat auch uns in Deutschland voll im Griff. Was löst das aus? Angst, Unsicherheit, Einsamkeit?
Hilft uns die christliche Botschaft? Vielleicht diese Adventszeit?
Ich stieß auf einen Satz des dänischen Philosophen Kierkegaard aus dem 19. Jahrhundert, der die Adventszeit auf diese Botschaft brachte: „Siehe Gott wartet, spring zu ihm hin, in seine Arme.“ Was damit gemeint, ist, möchte ich an einer Geschichte erläutern:
Vor etlichen Jahren war in Brüssel ein Hochhaus abgebrannt. Es war spät am Abend. Alle Feuerwehren der Stadt waren angerückt, um das Gebäude zu räumen, den Brand zu löschen. Als man glaubte, dass alle Bewohner das Haus verlassen hatten, tauchte plötzlich an einem Fenster im zweiten Stock ein fünfjähriger Junge auf. Der Vater des Jungen eilte unten am Boden herbei, öffnete die Arme und rief nach oben: Spring, Junge, spring! Die Junge rief zurück: Aber, Papa, ich sehe dich nicht, überall ist Feuer. Da rief der Vater: Aber ich sehe dich. Spring, Junge, spring. Der Junge sprang. Der Vater fing ihn auf. Das Kind war gerettet.
„Siehe Gott wartet, spring zu ihm hin, in seine Arme.“
Haben wir in diesen Zeiten nicht oft auch das Gefühl: Wir sehen Gott nicht. Unsere Wahrnehmung ist geblendet vom Feuer des Leidens, der Krankheiten, der großen Probleme….Wir sehen Gott nicht, wir hören seine Stimme nicht.
Ja, im Evangelium, da ist eine Stimme, die von Johannes dem Täufer. Er sagt auch: Gott wartet, bereitet ihm den Weg, den Weg in dein Herz.
Ja damals! Aber heute? Da steht niemand unter unserem Fenster, wenn wir in diesen Coronazeiten allein zu Hause sind und ruft, spring, spring in die Arme Gottes. Da steht auch keiner am Ende der Ausgangsstrasse hier in Hardt und sagt Gott wartet.
Und doch, glaube ich, ist diese Stimme da; nicht laut, sondern leise, als deine innere Stimme. Jetzt, wo die Weihnachtstage sehr still werden, besteht die große Chance, sie vielleicht anders wahrzunehmen. Gönn Dir doch einfach eine Viertelstunde der Ruhe und zieh dich in eine stille Ecke deiner Wohnung zurück, oder geh spazieren, bleib irgendwo in der Natur stehen und such das innere Zwiegespräch mit deinem Gott. Sag ihm, was Du auf dem Herzen hast. Es ist nicht so, dass Du mit deinen Ohren vernehmlich eine Antwort hören würdest. Gott scheint weiterhin zu schweigen. Aber wenn Du das regelmäßig machst, täglich, dann spürst Du, dass irgendetwas in Dir zur Ruhe kommt, und dass das Vertrauen wächst. Das Vertrauen, dass da ein Gott ist, der dein Leben hält, an den Du mit deinem kleinen Leben wie an ein größeres Leben angeschlossen bist.
Gilt das auch für die 2000 bis 3000 Menschen, die täglich in Deutschland sterben: „Siehe Gott wartet, spring zu ihm hin, in seine Arme.“
Ich telefonierte vorletzte Woche mit einer Frau von 63 Jahren, die im Altenheim der Gemeinde, in der ich viele Jahre Pfarrer war, Pflegedienstleiterin war. In diesem Gespräch sagte sie mir, dass sie Krebs im Endstadium und die Chemotherapien abgesetzt habe, dass sie also den Tod erwarte. Und dann kam plötzlich der Satz: Es ist schön, keine Angst vor dem Tod zu haben. Wir sprachen dann darüber, dass wir viele ihrer Bewohner des Altenheims im Laufe der Jahre gemeinsam zu Grabe geleitet hatten. Und sie sagte: Die sehe ich jetzt bald alle wieder. Gestern ist die Frau gestorben. Für sie war der Tod ein Sprung in die Arme Gottes. Er war es, weil sie im Laufe der Jahre immer wieder den kleinen Sprung in Gott hinein gewagt hatte, z.B. wenn ich sie beten sah mit einer Altenheimbewohnerin, auf dem Zimmer, in der Kapelle, wo auch immer. Vielleicht ist die diesmal ganz andere Weihnachtszeit eine Gelegenheit um ganz andere Geschenke zu bitten, um die Geschenke der Gottesbegegnung und viele andere leise Geschenke:
Liebes Christkind sei so lieb
bring uns keine Gaben,
die es auch im Kaufhaus gibt,
weil wir die schon haben.
Bring uns Mut und Tapferkeit,
… Wahres laut zu sagen
und des andern Not und
Leid liebend mitzutragen.
Bring uns mehr Verbundenheit.
Schenk uns Ruhe, Einkehr, Rast,
nur ein kleines bisschen Zeit
statt der Eile und der Hast.
Schenk uns eine harte Nuss,
die wir knacken müssen.
Weich macht uns der Überfluss,
wenn wir nichts vermissen.
Bring uns einen Tannenbaum
aus gesundem Walde.
Oh welch schöner Weihnachtstraum,
Christkind komm doch balde
„Siehe Gott wartet, spring zu ihm hin, in seine Arme.“