2018-08-12-19-So._i._J. in Dörenhagen, zum 50. Todestag meines Vaters
Zu Joh 6,41-51 : Glück gehabt?
Liebe Schwestern und Brüder,
bald ist Mariä Himmelfahrt. Vor zwei Jahren kam ich einmal vom Friedhof hier in Dörenhagen und blieb vor dem Kriegerdenkmal stehen. Da entdeckte ich, dass zu Mariä Himmelfahrt 1942, also am 15. August, mein Onkel Heinrich Auffenberg in Russland gefallen ist. Sieben Jahre später, auch an einem 15. August 1949 bin ich geboren. Das berührte mich eigentümlich. Es fiel mir auf, zu Mariä Himmelfahrt 1942 war auch der Bruder meines Onkels, also mein Vater, in Russland an der Front, und er war dort auch 1941, 1943 und 1944. Hätte es damals nicht den Onkel, sondern den Vater getroffen, dann stände ich jetzt nicht hier. An welch seidenen Faden hing denn damals das Leben, und das über Jahre täglich? Wäre eine Kugel nur etwas weiter rechts oder links eingeschlagen, ich wäre nicht hier. Hätten die Landminen bei Spähtruppunternehmen nicht nur das Pferd, sondern auch den Reiter zerrissen, ich wäre nicht hier. Und wäre er nicht – schon wegen des schwarzen Todes, dem Fleckfieber, im Sterbezimmer liegend – in letzter Sekunde dem Tod von der Schippe gesprungen, ich wäre nicht hier. Vielleicht hunderte, tausende Male am Abgrund gestanden in den sechs Jahren des Krieges!
Ich bin Kind meiner Eltern, und das löst in mir die Frage aus: Welcher Kette von Zufällen verdanke ich eigentlich, dass ich teilnehmen darf an dem großen Abenteuer, das sich Leben nennt, dass ich nicht hineingeboren wurde in Kriege oder nach Port au Prince, Kalkutta, Eritrea in all die Länder, in die der liebe Gott nur noch zum Weinen kommt, weil das Leben dort so erbärmlich ist. Dass ich in dieser Welt gelandet bin, in diesem schönen Dorf im Herzen von Westfalen in die reichste und beste Zeit hinein, die Deutschland je erlebt hat, das ist nicht mein Verdienst. Das ist nicht Zufall, das ist Glück und einfach nur Geschenk, Grund zur Dankbarkeit und zur Verantwortung gegenüber all denen, die es nicht so gut getroffen hat.
In meiner psychotherapeutischen Ausbildung in den neunziger Jahren wurde mir vom Ausbildungsleiter geraten: Du musst Deine Vorfahren immer wieder ins Licht stellen, dann stehst Du selbst im Licht. Wenn ich also in einer Kirche Kerzen anzünde für die Verstorbenen oder für sie eine Messe lese, dann folge ich nicht der Empfehlung einer weltfremden katholischen Betschwester, sondern gehe den Weg einer Therapie letztlich für die eigene Seele. Therapie aber auch für die Verstorbenen, die oft wegen ihrer traumatischen Erfahrungen unversöhnt sterben mussten. Denn so meinte mein damaliger Ausbildungsleiter: Die kriegen das auch in der jenseitigen Welt mit, dass Du an sie denkst, für sie betest. Und sie brauchen dein therapeutisches Gebet, genau wie Du, damit ihr miteinander in Frieden seid.
Hertha Müller, die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin von 2009, hat aus eigner Erfahrung mit einem nahen Verwandten gesagt: Die, die den Krieg und das Gefangenenlager überlebt haben, die hatten anschließend den Krieg im Kopf. Und – so fügt Hertha Müller an – ich weiß nicht was für sie schlimmer war, der wirkliche Krieg oder der Krieg im Kopf. Heute spricht man in dem Zusammenhang von PTS, von der posttraumatischen Belastungsstörung. In der Möhneseeklinik werden ehemalige Afghanistankämpfer mit diesen Symptom behandelt. Einer dieser Soldaten sagte einmal: Von Menschen beschossen zu werden und dann auf Menschen schießen müssen, das war die Hölle, der absolute Abgrund der Humanität.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat den Satz geprägt: Wenn Du zu lange in einen Abgrund schaust, dann ist der Abgrund irgendwann in Dir.
Und wenn sie sechs Jahre in den Abgrund geschaut haben, ist es dann ein Wunder, dass der Abgrund irgendwann in sie schaute?
Aber das ist trotz allem nicht das Ende, das ist nicht der letzte Absturz, selbst wenn er im Tod endet. Es gibt unter jedem Abgrund noch einen Grund, sagt die Mystikerin und Streetworkerin aus Paris, Simone Veil.
Der letzte Lebensgrund ist für sie Gott, Jesus von Nazareth, der am Ende jedes Leben und sei es noch so chaotisch gewesen, auffängt.
Ja, bald ist Maria Himmelfahrt. Dann werde ich 69 Jahre alt. Und wenn man bald in das achte Jahrzehnt seines Lebens geht, dann fragt man ja schon mal: Wie lange noch? Man hat im Leben so viel gearbeitet und geschafft. Immer sagte man sich: Du musst vorankommen, du musst weiterkommen. Stillstand ist Rückgang. Jetzt, die Restlaufzeit des Lebens vor Augen, stellt sich die Frage: Will ich auch ankommen, ankommen am letzten Ziel? Und wie will ich da ankommen? Und was kommt denn, wenn ich die Himmelfahrt meines Lebens vollendet habe. In meinem Beruf werde ich ständig mit dieser Frage konfrontiert und wie oft habe ich gezweifelt an dieser christlichen Vision vom Land der Erlösung, mich gefragt: Ist da vielleicht doch nur ein schwarzes Loch, ein Gar-Nichts, eine dunkle Seelenwanderung, oder Wiedergeburt?
Irgendwann habe ich festgestellt: Ich muss mich entscheiden, und ich bete doch in jeder Messe: das Leben wird nicht weggenommen, es wird gewandelt, und dann schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht.
Einmal sagte mir ein Mann einen Tag vor seinen Tod: ich werde bald sterben. Und ich fragte ihn: Wie stellst Du Dir das dann vor? Und er sagte mit einer großen Sicherheit: Da steht dann meine Mutter und holt mich ab. Ja so habe ich es doch seit meinem siebten Lebensjahr in dieser Meinolfuskirche gelernt: Wenn ich die Himmelfahrt meines Lebens antrete, da steht dann Christus und holt mich ab und mit ihm stehen da all die anderen, die mir vertraut waren und vor mir sterben mussten und wir feiern ein großes Fest der Erlösung und Versöhnung. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich, dass die früh gelernten Glaubensbilder stimmen.
Aber sie stehen da nicht nur am letzten Tag am anderen Ufer des Lebens. Nach unserem Glauben feiern wir jede Eucharistie in Verbindung mit unseren Verstorbenen. Wahrscheinlich werden auch hier in Dörenhagen die Sonntagsgottesdienste immer leerer. Mag sein, dass in ein paar Jahren nur noch eine Handvoll Leute hier sind. Und trotzdem ist auch dann diese Kirche rappelvoll, voll von unseren Verstorbenen. Denn sie stehen auch jetzt schon mit uns um diesen Altar, auch wenn unsere Sinne sie nicht erfassen können. Aber sie sind nicht tot, sie sind lebend. All die Menschen, die je hier gelebt haben, von Sinners in Busch bis zu den Bewohnern der Chaussee in Dörenhagen, all die, denen es wichtig war, diese schöne Kirche zu erbauen, alle, die hier gelebt, geschuftet, gelitten, geliebt und gefeiert haben, sie sind jetzt hier, sie sind mit uns auf mystische Weise im Geheimnis verbunden. Sie sind nicht tot, sie sind lebend. Und wir alle werden zwar sterben, aber siehe, wir leben. Amen.