Predigt vom 14.10.2018 – Und dann

2018-10-14 28. _So._ i._J. – Mk 10, 17-30

Wahrheit meines Lebens

 Liebe Schwestern und Brüder,

zu einem Zen-Meister kam eines Tages ein junger Mann und erzählte ihm mit großer Freude, dass seine Eltern ihm endlich erlaubt hätten, Rechtswissenschaften zu studieren. »Ich werde keine Mühe scheuen, mein Studium erfolgreich abzuschließen.«
Der Meister, der nicht gern viele Worte machte, hörte dem jungen Mann gelassen zu und sagte nur: »Und dann?«
»Dann werde ich ein guter Rechtsanwalt sein«, erwiderte der junge Mann begeistert.
»Und dann?«, fragte der Meister weiter.
»Dann«, sagte der junge Mann, »werde ich viele Prozesse führen, von denen ich natürlich die meisten gewinnen werde, so dass aufgrund meiner Erfolge und meines Ansehens die Mandanten in Scharen zu mir strömen werden.« »Und dann?«, fragte der Meister wieder.
»Dann«, fuhr der junge Mann fort, »werde ich viel Geld verdienen, heiraten, eine Familie gründen, ein großes Haus bauen, einen teuren Wagen kaufen und ein schönes Leben führen.«
Ruhig fragte der Meister wieder: »Und dann?«

„Ja, dann werde ich mich irgendwann zur Ruhe setzen, meinen Wohlstand genießen und meinen spielenden Enkelkindern zuschauen.“

Der Meister ließ nicht nach. Und dann, fragte er weiter.
»Ja dann«, sagte der junge Mann nachdenklich, »dann werde ich wohl gezwungen sein auch mal ans Unausweichliche,  ans Sterben zu denken.«
Der Meister hob noch einmal die Stimme und fragte: »Und dann?«
Aus: Marco Aldinger, Geschichten für die kleine Erleuchtung. Das Buch zur Bewusstseinserheiterung. Herder Spektrum, Freiburg Basel Wien 2002.

Diese kleine Geschichte und das Evangelium vom reichen jungen Mann, der zu Jesus kommt und wissen will, was er tun soll, um ihm zu folgen, stellen die Grundfrage des Menschen: Wie soll ich leben? Was ist der Wert des Lebens? Fragen sich das Menschen heute? Ich sehe oft junge Menschen wie im Evangelium, die sich nur fragen: Welchen Job kann ich kriegen, mit dem ich Karriere machen kann, um möglichst viel Geld zu verdienen. Jesus meint, materielle Absicherungen machen auf Dauer nicht glücklich. Ein Theologe fragte kürzlich: Haben Sie schon mal einen glücklichen Millionär gesehen?

 

Der Begründer der modernen Existenzphilosophie, der Däne Kierkegaard hat schon im 19. Jahrhundert gesagt,

der Mensch stehe mit seinem Lebensplan immer vor einer Entweder- Oder-Entscheidung. Er habe die Wahl zwischen einer Lebensweise in Unverbindlichkeit und im einfachen Genuss der vorhandenen Möglichkeiten — oder auf der anderen Seite einem Leben in ethischer Verantwortung. Darum steht der Mensch vor der Entscheidung, sein ihm bestimmtes Leben zu leben oder es zu verfehlen. „Es gilt im Leben eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu entdecken, für die ich leben und sterben kann.“

 

Wenn ich heute mit meinen Geschwistern den 100. Geburtstag meiner Mutter feiere, dann frage ich mich: Hat sie die Idee für ihr Leben gefunden? Sie ist zur Schule gegangen, hat das Einjährige gemacht in Paderborn, eine hauswirtschaftliche Ausbildung in Remagen. Vielleicht hatte sie große Pläne. Ich weiß es nicht. Denn dazwischen kam der Krieg und mit ihm Schicksale, wie sie viele Familien hier auf den drei Dörfern erlitten. Die Wahrheit des Lebens von Johanna Leifeld, wie sie damals hieß, war plötzlich vorgegeben. Ihre Mutter starb sehr bald und auch die Schwester. Der Bruder fiel 1944 in Frankreich und sie stand alleine da mit dem Hof, russischen und polnischen Zwangsarbeitern.

Später gründete sie eine Familie. Jetzt sind wir ihre Wahrheit, sieben Kinder, noch mehr Enkel und eine Schar von Urenkeln. Die Wahrheit ihres Lebens war am Ende die Verantwortung für andere, für die Familie, war letztlich Nächstenliebe.

 

„Und dann“, fragte der Meister den jungen Studenten. Die Generation unserer Vorfahren hier in Dörenhagen hatte dieses „Und dann“ noch auf dem Schirm, dass also das Leben eine Grenze hat und irgendwann vor Gott zu verantworten ist. Wenn man viele fragte von denen, die auf den Trümmern Deutschlands unseren Wohlstand aufbauten: Wie habt ihr das geschafft? Dann sagten manche: Ohne Glaube wäre es nicht gegangen.

 

Im Unterschied zu dieser Generation vor, im und nach dem Krieg haben wir heute Lebenden den Luxus, und zu entscheiden in der Frage: welche Idee habe ich denn für mein Leben? Welche Wahrheit will ich leben? Die des Entweder, also des einseitigen Genusses und Konsums oder den in ethischer Verantwortung. Das Evangelium dieses Sonntags sagt: Man kann sein leben auch verfehlen, es vergeuden in dieser überbordenden Überflussgesellschaft. Lebe deine Selbst und deinen Selbstwert. Setze Deine Gaben ein für Andere, für die Gesellschaft und vielleicht auch für die Gemeinschaft von Glaubenden, und Du wirst sehen: wenn es anderen Menschen gut geht, dann bist auch du glücklich. Lebe dein Leben in Gottesbewusstsein, und du wirst erkennen, die Wahrheit ist: Das Leben hat einen ewigen Sinn. Amen.

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Ein Gedanke zu „Predigt vom 14.10.2018 – Und dann

  1. Lieber Ulli,
    ich möchte mir angewöhnen, Deine Predigten regelmäßig zu lesen. Deine Gedanken tun mir einfach gut.
    Ich begegne immer wieder Menschen, die mit Kirche nichts anfangen können, mit Gott schon eher. Oft helfe ich mir mit der persönlichen Aussage, dass ich dankbar bin, an einen Gott glauben zu können, der Mensch geworden ist. Manchmal habe ich auch Mitleid mit unserer Kirche, die ja letztlich aus uns Menschen besteht.
    Du gehörst zu den Menschen, die in meinem Inneren einen festen Platz haben.
    Danke
    Magdalena aus Dortmund
    Ich wünsche Dir, dass Du noch viele Menschen mit Gott in Verbindung bringen kannst.

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