2017-09-10_23.So.i._J. Predigt Menschen am Rande Mt 18, 15-20
Liebe Schwestern und Brüder,
in dem ziemlich durchwachsenen Sommer dieses Jahres war Mittwoch, der 23. August, ein ausgesprochen schöner sonniger Tag. Ich war an diesem Tag eingeladen in eine mittelgroße Stadt am Rande des Ruhrgebiets.
Dort gibt es im Zentrum eine große Freitreppe, auf der sich regelmäßig Menschen am Rande aufhalten: Nichtsesshafte, Drogensüchtige, Alkoholabhängige, viele Obdachlose. Sie leben auf dieser Treppe, manche schlafen da, sie essen da, trinken, und trinken und trinken da, sie streiten da, und manchmal haut einer dem anderen eine Bierflasche auf den Kopf.
Uwe, der Streetworker und Sozialarbeiter, der sich um diese Menschen kümmert, wollte, dass wir dort einen Gottesdienst halten. Warum?
Fragte ich ihn. Er sagte: Die haben sich alle schon aufgegeben, haben ihr Leben weggeworfen, erwarten nichts mehr. Sie sollen wissen, dass es immer noch einen gibt, der zu ihnen hält, der sie nie aufgibt, der himmlische Vater.
Wir haben diesen Gottesdienst gestaltet mit Liedern wie Sailing oder der Liverpool-Hymne Youll`never walk alone und mit der Geschichte von der Jakobstreppe. Jakob war vor seinem Bruder Esau geflüchtet und nach langer Flucht so erschöpft, dass er in der Steppe zusammenbrach und quasi ins Koma fiel. Da träumt er von einer Treppe in den Himmel, auf der Engel auf und niedersteigen. Oben am Ende der Leiter sieht er Gott, der zu ihm spricht: Den Platz, auf dem Du liegst, will ich Dir zu Heimat geben. Als Jakob aufwachte, sagte er: „Gott war an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“
Das war die Botschaft, die wir diesen elenden Menschen in dieser Stadt am Rande des Ruhrgebiets mit auf den Weg geben wollten: Bei euch ist ganz viel Gewalt und Resignation. Aber auch Gott ist an eurem Ort, hier auf der Treppe, und ihr wisst es nicht. Er sieht euch kaputten Menschen, er will, dass ihr auf dieser Treppe Heimat habt, Frieden habt. Vierzig von ihnen sind zu dem Gottesdienst gekommen. Und sie waren dabei, mit dem Herzen waren sie dabei; ich glaube, sie waren auch berührt.
Am Ende stand ich unten am Fuß der Treppe, die Besucher saßen noch auf der Treppe, und es fragte mich ein Mitarbeiter des Gottesdienstes: Was sehen Sie in den Augen dieser Menschen? Lange dachte ich nach. Was sehe ich in den Augen? Verzweiflung, Leere, Angst, Hoffnungslosigkeit, Schmerz, Trauer, Sinnlosigkeit ??…