2018-06-27_Johannesfest
Die innere Stimme
Liebe Schwestern und Brüder,
Ist Johannes der Täufer auch heute noch unterwegs, in unserer Welt, in unserer Gemeinde? Vielleicht als unsere innere Stimme, die sagt:
Ich bin die Stimme des Rufers in der Wüste:
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin der Schrei des Gefolterten im syrischen Gefängnis:
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin der Seufzer des Menschen, der gerade ein Zimmer im Altenheim bezogen hat;
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin die Angst des Kranken vor der Narkose im Operationssaal
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin das Plädoyer des Menschenrechtskämpfers:
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin die stotternde Stimme des Afrikaners beim Jobcenter;
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin der Friedensappell von Papst Franziskus
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin die Verzweiflung von Hunderten von Flüchtlingen, die auch in der letzten Woche wieder im Mittelmeer ertrunken sind
Ebnet den Weg des Herrn!
Ich bin die Ratlosigkeit zwischen Merkel und Seehofer
Ebnet den Weg des Herrn
Ich bin der Choral im Hochamt der Gemeinde
Ebnet den Weg des Herrn!
Heute Stimme des Rufers in der Johannesgemeinde zu sein kann, vielfältige Formen haben. Eine ganz schöne Variante habe ich vorgestern gehört. Ich habe in dieser Woche wieder Menschen in Seelsorge ausgebildet, die in Hospizen oder Altenheimen mit gebrechlichen und sterbenden Menschen arbeiten. Da erzählte eine Hospizschwester, auf ihre Station sei eine sterbende Frau, die habe sie gefragt: „Glauben Sie an Gott?“ Nachdem die Schwester die Frage mit JA beantwortet hatte, bat sie die Frau: „Dann legen sie mal bei Ihrem Gott ein gutes Wort für mich an. Ich habe mich nämlich nicht besonders viel um ihn gekümmert in meinem Leben.“
Johannes der Täufer würde dieser Frau vielleicht sagen: „Bei deinem Tod läuten hier auf Erden die Kirchenglocken, aber am anderen Ufer des Lebens, bei Gott, erschallen die Trompeten von Jericho.“ Amen