2018-06-17_11. So.im J.
Schrifttext Mk 4,26-43
Schützenfest
Liebe Schützenbrüder, liebe Schwestern und Brüder,
es geschah am letzten Samstag, 20. Mai 2018 in einem Vorort von Paris. Im vierten Stock eines Hochhauses war ein vierjähriges Kind über das Geländer eines Balkons geklettert und hing lebensgefährlich an diesem Geländer in der Luft. Ein Nachbar, durch eine Trennwand behindert, konnte das Kind nicht hochziehen. Da kletterte plötzlich ein 22-jähriger Flüchtling aus Mali in Westafrika in Windeseile die Fassade Stockwerk um Stockwerk empor, um das Kind zu retten. Oben angekommen schnappte er sich das Kind und brachte es in Sicherheit.
Als man ihn später fragte, wie er denn auf die Idee gekommen sei, so schnell und so riskant zu reagieren, da antwortete er: „Ich weiß auch nicht, ich mußte es einfach tun. Beim dritten Stockwerk merkte ich plötzlich, wie gefährlich das war. Aber da wollte ich nicht mehr zurück.“
Es gibt Entscheidungen im Menschen, die geschehen unbewußt, unreflektiert. Der Psychotherapeut Viktor Frankl erzählt ein ähnliches Beispiel. Da springt ein Mensch in Selbstmordabsicht von einer Brücke ins Wasser. Ein anderer springt sofort hinterher und zieht ihn aus dem Wasser. Als man ihn fragte, wie ihm diese Entscheidung innerlich möglich gewesen sei. Da antwortete er: Von einer Entscheidung konnte keine Rede sein, der Versuch der Lebensrettung sei für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen.
Wie kommt es, dass manche Menschen unter Einsatz ihres Lebens ganz plötzlich Hilfsinstinkte entwickeln, während andere vor Angst erstarren und am liebsten weglaufen möchten. Frankl meint, es würde nur jemand ohne Zögern ins kalte Wasser springen, der zuvor schon vielfach bewusst und in Freiheit Entscheidungen der Hilfe und der Liebe gefällt habe, Entscheidungen für die Nächstenliebe gegen den Egoismus, für Barmherzigkeit, für Hilfsbereitschaft. Sein Gehirn ist quasi schon auf soziales Engagement programmiert und darum kann er ohne zu überlegen so abenteuerlich helfen.
Liebe heißt im heutigen Evangelium Gott, Reich Gottes. Und Jesus sagt: Das Reich Gottes ist nicht oben oder unten, jenseits der Meere oder in fernen Universen, es wächst in euch. Am Anfang ist dieser Gott in euch, diese Liebe in euch so klein wie ein Senfkorn. Aber wenn Du es pflegst, wenn Du also den Glauben an die Liebe Gottes in deinem Leben hütest wie deinen Augapfel, dann kann das dein Leben stark machen.
Vor Jahren, als ich noch in Wiedenbrück war, da kam ein 16-jähriger zu mir und wollte sich von der Firmvorbereitung abmelden. Ich fragte ihn: Warum? Da antwortete er: Ich glaub` ja an nix. Ich sagte, das glaube ich dir nicht. Du glaubst zumindest doch an Dich selbst. „Wie meinen Sie das?“ fragte er. Meine Gegenfrage war: Was kannst Du denn gut? Ja Fussballspielen antwortete er. Dann glaubst Du doch zumindest an dein sportliches Talent Fussball zu spielen. Aber allein das Talent hilft dir gar nichts. Du musst es pflegen, trainieren. Auch ein Thomas Müller muss das, sonst wäre er nicht bei der WM.
Liebe Mitchristen, niemand verlangt von uns heroischen Glauben, heldenhafte Taten der Nächstenliebe wie bei dem Fassadenkletterer von Paris oder dem Brückenspringer Viktor Frankls. Aber dass wir die Liebe, also Gott in unserem Leben mehr pflegen als den Egoismus, das ist Lebensauftrag seit unserer Geburt, denn das ist wie das Senfkorn angelegt zum Wachsen. Und wenn wir heute Schützenfest feiern, dann geht es nicht nur um ein rauschendes oder berauschtes Fest, sondern dann tragen wir das Bekenntnis durch die Strasse auf unserer Fahne: Wir wollen den Glauben behüten und beschützen, dass er wachsen kann, wir wollen die Ethik, die Werte umsetzen und leben und dafür sorgen, dass unsere Heimat, unsere Dorfgemeinschaft niemanden ausgrenzt.
Was machen die Menschen denn fest
auf ihrem Schützenfest?
In Kameradschaft und Freundschaft zu leben,
Tradition und Kontakte zu pflegen,
nach Einheit und Wahrheit zu streben,
den Brüdern, den Schwestern die Hand zu geben,
die Mitte des Lebens nie zu vergessen
dem Glauben den richtigen Wert zuzumessen
das machen die Menschen fest
auf ihrem Schützenfest!
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