2. So.-n.Weihnachten
Liebe Schwestern und Brüder,
einer der größten deutschen Kabarettisten war der 2006 gestorbene Niederrheiner Hans Dieter Hüsch. In den letzten Jahren seines Lebens wurde Hüsch zum Prediger. Einmal beschäftigte er sich in einem Kabarett-Vortrag mit der Frage „Gibt es einen Gott?“ Er begann diesen Vortag mit folgenden Sätzen:
„Kürzlich wurde ich auf der Strasse gefragt: „Existiert Gott?“ “Klar habe ich geantwortet, existiert der liebe Gott. Ich kenne doch seine Schwester.
Die lebt in Paderborn und arbeitet da in einer Wäscherei in der Stadtheide. Sie hat schweres Rheuma. Kürzlich hab` ich ihr geholfen, die schweren Wäschewagen zu fahren. Da ist der liebe Gott vorbeigekommen und hat sich bei mir bedankt. Ich habe ihm gesagt, er soll mich doch mal in den Himmel einladen, dass ich all meine Verwandten dort sehe, die schon gestorben sind. Das hat er auch gemacht. Er hat mich abholen lassen in den Himmel, und ich hab sie alle dort getroffen: Tante Käthe, Onkel Rudolf, Oma Mia. Denen ging es richtig gut da. Und Jesus habe ich auch gesehen. Der saß im Cafè Nikodemus, hat Mühle gespielt, war sehr freundlich, muß ich sagen, sehr freundlich. Dann ist der liebe Gott wieder mit mir nach Paderborn zurückgefahren, auf dem Fahrrad. Seitdem treffen wir uns öfter, der liebe Gott und ich. Manchmal kommt er nicht, weil er verhindert ist. Aber es ist immer gut, wenn wir uns treffen.
Liebe Mitchristen, Sie mögen eine solche Vorstellung für naiv halten oder sich fragen, wo es denn in Stadtheide eine Wäscherei gibt. Dennoch glaube ich, dass Hans Dieter Hüsch das Zentrum von Weihnachten erfasst hat. Gott ist Fleisch geworden, ist Mensch geworden, an jedem Ort. Ob in Paderborn, Dortmund, Dinslaken oder Bielefeld, in Jesus ist Gott für jeden von uns Bruder und Schwester geworden, ist er präsent in unserem Rheuma, in unserem Leben und der Himmel ist höchstens ein paar Minuten von uns entfernt, weil wir uns gegenseitig das Leben zum Himmel oder zur Hölle machen können.
Kennen wir Beispiele dieser Gegenwart des fleich-des menschgewordnen Gottes? Vor Jahren musste ich mich in Hannover einer schwierigen Operation unterziehen. Ich fuhr mit dem Zug dorthin. Auf dem Bahnhof wollte ich am Automaten ein Ticket lösen für die Strassenbahn zum Klinikum und kam damit nicht klar. Da kam von hinten ein Mann und half mir. Nach ein paar Klicks war das Ticket da. Danke, sage ich und höre in meinem Ohr Hans Dieter Hüsch sagen:“Das war ein Bruder vom lieben Gott.“ Die OP in den Medizinischen Hochschulen verlief gut. Ich ging am Tag danach in die Kapelle, um dem lieben Gott zu danken, dass er dabei war, in der sicheren Hand des Chirurgen, in der Freundlichkeit des Personals, in der Frage einer jungen Schwester unmittelbar vor der Narkose: „Haben Sie Angst?“ Ich sagte: „Ein bischen.“ Und sie sagte: „Hätte ich auch.“ Das machte meine Angst etwas kleiner. Und dass ich gebetet hatte immer den gleichen Satz:“Lieber Gott, geht mit mir.“ Machte sie auch kleiner.
In der Kapelle traf ich eine andere Patientin. Ich erzählte ihr, dass ich da sei, um Gott zu danken. Da schaute sie mich unendlich traurig an und sagte: „An mir hat Gott versagt! Keine Therapie kann mir noch helfen.“Ich war so geschockt, dass ich nicht antworten konnte. Sie war gleich verschwunden. Ich hätte sie gern getröstet und versuchte sie in den nächsten Tagen auf den unendlich langen Gängen des Klinikums zu finden. Aber keine Chance.
Das alles ist jetzt 25 Jahre her. Aber der Satz beschäftigt mich immer noch: „An mir hat Gott versagt.“ Ich werde ihn nie vergessen. Denn ich weiß seitdem, dass jeder Tag des Lebens ein unendliches Geschenk ist. Und dass auch mich irgendwann das Ende erreichen wird und ich nicht erwarten kann, dass Gott dann direkt aus dem Himmel kommt und mich davor bewahrt. Doch ich hoffe, dass er dann da ist in wieder wohlmeinenden Menschen, in meinem Jesusgebet und mir die Tür öffnet zur eigentlichen Größe des Lebens und der Liebe.
Das Wort ist Fleisch, ist Mensch geworden. Da bedeutet doch: Gott lebt auch hier in der Benhauser Strasse, in der Adolph Kolpng Strasse. Über all hat er Schwestern und Brüder. Und darum kommt es entscheidend darauf an, ob wir uns sebst als Schwester oder Bürder Gottes sehen und glauben können wir, dass wir anderen Menschen als Geschwister Gottes begegnen. Wie anders sähe doch diese Welt aus, wenn das gelänge, in jedem Bruder und Schwester Gottes zu sehen. Hermann Hesse drückt das in einem Gedicht so aus:
Immer wieder wird er Mensch geboren,
spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren.
Immer wieder muß er einsam ragen,
Aller Brüder Not und Sehnsucht tragen,
Wird er neu ans Kreuz geschlagen.
Immer wieder will sich Gott verkünden,
Will das Himmlische ins Tal der Sünden,
Will ins Fleisch der Geist, der ewge münden.
Immer wieder. auch in diesen Tagen,
Ist der Heiland unterwegs, zu segnen,
Unsern Ängsten, Tränen, Fragen. Klagen
Mit dem stillen Blick zu begegnen,
Den wir doch nicht zu erwidern wagen,
Weil nur Kinderaugen ihn ertragen.