Predigt vom 27.12.2025 – Heilige Familie

Liebe Schwestern und Brüder,

wir erfahren heute und in diesen Tagen, dass die Heilige Familie keine heile Familie, keine idyllische Familie von einem Biedermeierbild war, sondern eine absolute Schicksalsfamilie, wie wir ihnen  millionenfach auch in unserer Zeit begegnen. Wir sehen einen jungen Mann und eine hochschwangere Frau auf einem Esel, die gezwungen sind durch die römische Besatzungsmacht einen Weg von 152 km von Nazareth nach Bethlehem zurückzulegen. Nicht über Schienen oder eine Autobahn, sondern durchs Gebirge, durch Wüsten. Was für eine Leistung für diese Familie und für den Esel; dann kommen sie an in Bethlehem, und das Kind drängt plötzlich, auf die Welt zu kommen. Da müsste man doch jetzt einen Rettungswagen bestellen, um die Frau ins Krankenhaus zu bringen. Aber da ist kein Krankenhaus, kein Arzt, keine Hebamme. Da ist nicht einmal ein Platz im billigsten Hotel der Stadt, nur im Stall. Mensch haben keinen Platz für den menschwerdenden Gott, nur die Tiere. Sie stellen sogar ihre Nahrungsquelle zur Verfügung, ihre Futterkrippe. 

Später spricht sich herum, und Josef erfährt im Traum davon, dass dieser Despot Herodes Kinder töten läßt. Sie fliehen nach Ägypten. Offensichtlich war die Grenze nach Ägypten damals offen, anders als in unseren Zeiten, da Tausende von Menschen im Gazastreifen immer wieder versuchen in Ägypten Zuflucht, ein Zuhause, Essen zu bekommnen. Oder derzeit an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo Flüchtlingsfamilien oft direkt auf den Strasse verhaftet werden, Kinder sogar in Handschellen gelegt werden. Die Herodesse sind nicht ausgestorben, sie tragen heute andere Namen.

Die Heilige Familie, eine Flüchtlingsfamilie? Vor fast zehn Jahren hat der Kardinal  Wölkli ein Flüchtlingsboot, das im Mittelmeer gekentert war, auf den Platz vor den Kölner Dom aufstellen lassen und daran Eucharistie gefeiert. Seine Botschaft damals: In jder Flüchtlingsfamilie, die im Mittelmeer untergeht, stirbt die Heilige Familie.

Heute müssen viele Menschen fliehen wegen ihrer religiösen, auch der christlichen Überzeugung. Die Menschrechtsorganisation Open doors schätzt, dass 380 Mio Christen in 78 Ländern unter Verfolgungsdruck stehen.

Im Iran z.B. gibt es eine Reihe christlicher Gemeinden, die im Verdacht stehen, Muslime zu missionieren. Sie müssen sich in sog. Hauskirchen oder Wohnzimmerkirchen zurückziehen und ihre Gottesdienst im Verborgenen halten. Sie verstecken ihre Bibeln, Kreuze und Symbole in Wänden, unterm Fußboden. Denn die Religionspolizei jagt nicht nur Frauen ohne Schleier, sondern auch diese Christen.

Im Sommer dieses Jahres, erzählte eine evangelische Pfarrerin von einer solchen Familie im Iran, die fliehen musste, weil sie eine Wohnzimmerkirche betrieben hatte und die Reilgionspolizei sie verhaften wollte. Nach grauenhafter Flucht kam die Familie schließlich in Deutschland an, Vater, Mutter und die 5-jährige Tochter. Ein Mitarbeiter der Diakonie begleiete sie und bereitete sie auf die Anhörungen zu Anerkennung des Asylstatus vor. Anschließend berichtete ihm die Frau von den Anhörungen, und das klingt so:                                                       „Der Richter war ein freundlicher Mann.“ Das sagt sie immer wieder, wenn sie von der Anhörung erzählt. Sie hatte  berichtet  von den Wohnzimmerkirchen im Iran, wo sie gemeinsam gebetet haben. Von der Angst, wenn dann jemand an der Tür stand. Von dem losen Stein, hinter dem sie die Bibel versteckt hatte. Die Furcht, ein Kreuz zu zeigen und dass jemand von den Behörden es als Missionsversuch verstehen könnte. All das hatte sie bei der ersten Anhörung gesagt. Es war ihr schwer gefallen, davon zu reden. Und danach von der Flucht. Und den unsäglichen Dingen, die dort passiert waren. Sie hatte alles erzählt. Von sich und ihrem Mann und ihrer Tochter. Dennoch hatte es ein Schreiben gegeben. Herr A. von der Flüchtlingsberatung der Diakonie hatte es ihr erklärt. „Unbegründet“ war das entscheidende Wort, das dort stand. „Die haben uns nicht geglaubt.“ Nicht ein Wort. Von den versteckten Bibeln und den Wohnzimmern und der Angst. Davon, dass sie beteten und glaubten. Warum? Hat sie gefragt. Herrn A. und manchmal auch Gott. Beide hatten keine Antwort. Aber Herr A. ist einer, der mit dem Herz arbeitet. Und einen Kopf hat er auch für all das, was in einer Demokratie möglich ist. Deswegen hatten sie geklagt. Beim Verwaltungsgericht. Weil sie leben wollte. Dann spricht sie von dem Richter und dass er ein freundlicher Mann war. Der hatte sie gefragt, ob er mit ihrer Tochter sprechen dürfe. Und dann hat er die Tochter gefragt. Was die Tochter sonntags macht. „Da gehen wir in den Kindergottesdienst,“ hatte die Tochter gesagt. Und der Richter hatte weiter gefragt. Was man denn im Kindergottesdienst macht. Da hat die Tochter vom Singen und Beten erzählt. Von Geschichten, die man dort hört. Das ist schön, wenn man fünf Jahre alt ist und noch keine Buchstaben kann. Ob sie denn ein Gebet auswendig kennt, hatte der Richter gefragt. Im Gerichtssaal wird es still. Die Kleine ist schüchtern. Dann fängt sie an „Vaterunser im Himmel…“ Das ganze Gebet. Bis zu „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.“ Dann grinst sie stolz. Sie kann es schon auswendig. Obwohl sie erst fünf ist. Das ist eine Handvoll Jahre. Der Richter war ein freundlicher Mann, sagt ihre Mutter immer und immer wieder. Er hat ein kompliziertes Schreiben aufsetzen lassen. Mit Wörtern wie „Anerkannter Fluchtgrund“ und „Niederlassungserlaubnis“. Herr A. hat es erklärt. Der Richter hat ihr geglaubt. Sie dürfen bleiben. Beten rettet Leben, sagen manche. Glauben auch.


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