Predigt vom 14.12.2025 – Freuet Euch

3. Adventssonntag                                                                                      

Freuet euch

Liebe Schwestern und Brüder,                                                                         Freuet euch. Noch einmal sage ich, freuet euch. Ruft dieser Sonntag.                                                 Darf man sagen „Freuet euch“ mit den Bildern im Kopf von dem brutalen  mörderischen Kriegen in Europa, Sudan, Gaza.  Freuet euch, wo die Zukunft der Rente, der Pflege, all der Sozialleistungen so  unsicher geworden sind. Freuet euch, wo mir doch täglich auch privat so viele Sorgen auf der Seele liegen?                                                                 Dürfen wir Weihnachten feiern inmitten einer Welt, die knistert, bedroht und zerrissen ist, von der wir kaum wissen, wie die Zukunft wird, ob wir weiterhin zum großen Teil nur Zuschauer der Katastrophen bleiben oder sogar selbst hineingezogen werden? Wir sind des russischen Tyrannen nächstes Ziel, wir in Holland, in Deutschland, sagte  der Nato-Generalsekretär Mark Rutte diese Woche.

Freuet euch! Mit diesem Thema in der derzeitgen Ratlosigkeit hat einer der größten Komponisten der Weltgeschichte, Johann Sebastian Bach, für uns alle eine Botschaft. Um 1735 hat er sein Weihnachtsoratorium geschrieben. Bach war in dieser Zeit schon umzingelt von Tod und Leid. Bereits als Kind von zehn Jahren war er Vollwaise geworden, hatte innerhalb eines Jahres Vater und Mutter und zuvor schon zwei kleinere Geschwister beerdigen müssen. Seine erste Frau starb im Kindbett. Von insgesamt neunzehn Kindern starben zehn vor ihm. 

Und trotzdem frohlocken, jubeln und jauchzen im Weihnachtsoratorium die Scharen der Engel und Menschen und können gar nicht damit aufhören. – Freuet euch, noch einmal sage ich: Freuest euch.

Anlässlich der  Begräbnisfeier eines seiner Kinder komponiert er  die Motette „Jesu meine Freude.“ Darin heißt es sinngemäß: „Wie gut, dass ich Jesus habe, der mich festhält, wenn ich krank und traurig bin.“ Die Zeit Bachs, das 18. Jahrhundert, war eine erbärmliche  Zeit der Armut, der Seuchen und der Verschmutzung in Deutschland. Aber in der Zeit war noch nicht in Frage gestellt, dass es Gott gibt, und ich mich festhalten kann in allen Nöten an Jesus. 300 Jahre später ist das ganz anders. Advent und Weihnachten sind nicht viel mehr als romantischer Konsumrausch; Gott und der Halt an Jesus sind in vielen Seelen verloren gegangen. Hätte Bach so säkular leben müssen, seine Verlassenheitstramata hätten ihn vermutlich umgebracht oder in die Psychiatrie geführt.

Aber das Gegenteil tritt ein: Bach  rettet sich  aus seinen ständig reaktivierten Kindheitstraumata  in die Musik. Sie rettet ihn, weil sie für ihn nicht nur Kunst ist, sondern Vergegenwärtigung der absoluten Liebe Gottes im menschgewordenen Jesus. Sie ist Schau in das Paradies. Mehr noch, Bach fühlt sich  in dieser Musik selbst im Paradies und seinen lieben Verstorbenen verbunden.  „Glück ist für Bach Vereinigung mit dem Göttlichen.“ Sagt Luise Reddemann, eine der profiliertesten Trauma- und Resilienzforscherinnen unserer Zeit.  

Die Musik J.S. Bachs rettet bis heute viele Menschen in tiefsten Erfahrungen von Verzweiflung oder Trauer. In einem Trauerkurs sagt eine Frau, die ihr Kind hat steben sehen: wenn es mir ganz schlecht geht, dann lege ich mir Musik von Bach auf. Oder ein anderes berühmtes Beispiel: „Langgestreckt auf seiner Pritsche im Gestapogefängnis meditiert  D. Bonhoeffer 1944 in seinen endlosen schlaflosen Nächten die Mottete „Jesu meine Freude“ und schreibt später einem Freund aus der Haft: „Ohne die Freude an dem Mensch gewordenen und auferstandenen Sohn Gottes geraten wir ins Murren, in den Widerspruch, in die Traurigkeit. Wie finden wir aber wahren Freude? Allein durch den festen Glauben: Jesus lebt!“ Jesu meine Freude. Wie gut, dass ich Jesus habe, an dem ich mich festhalte. Es ist nicht immer nur die Musik. Manchmal sind es auch einfach kleine Augenblicke der Stille, des Gebets.

In Dortmund beobachtete der Pfarrer einer Gemeinde einen alten Mann, der jeden Mittag um 12.00 Uhr in seine Kirche kam, dort nur kurz verweilte und dann wieder ging. Irgendwann fragte ihn der Pfarrer: „Was machen sie hier?“ Der Mann antwortete: „Ich bete.“ „So kurz nur“, erwiderte der Pfarrer? „Ja“ sagte der Mann: „Ich stelle mich hinten in die Kirche und sage einfach nur: `Jesus, Johannes ist da.´ Dann bleibe ich einen Moment und gehe wieder.“

 Irgendwann wurde der alte Mann schwer krank und  ins Hospital eingeliefert. Im Krankenhaus war er der freundlichste und angenehmste Mensch für die Mitpatienten und Mitarbeitenden, den man sich vorstellen kann. Einmal fragte ihn eine Schwester: „Herr Sowieso, sie sind doch so schwer krank. Warum sind sie so ausgeglichen und gut zu allen Menschen?“ Darauf antwortete der alte Mann: „Das liegt an meinem Besucher.“ „Wieso“, fragte die Schwester, „noch nie hat jemand bei ihnen Besuch gesehen.“ „Doch,“ sagte der alte Mann, „jeden Mittag um 12.00 Uhr kommt er, und steht am Ende meines Bettes und sagt: `Johannes, Jesus ist da.` Das ist Weihnachten, der Retter ist da, für sie, für mich, für uns alle.


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