2. Adventssonntg – Der Ruf Nawallnys
Liebe Schwestern und Brüder,
Das war die Stimme eines Rufers in der Wüste. Gibt sie noch, solche prophetischen Stimmen wie bei Johannes, dem Täufer? Im Jahre 2024 konnten wir eine hören aus der Eiswüste einer russischen Strafkolonie am Polarkreis. Da wurde im Februar Alexej Nawallny umgebracht.
Im August 2020 hatten sie ihn schon einmal versucht umzubringen durch einen Giftanschlag mit Nowitschok. Zur Genesung war er später in Deutschland in Sicherheit und ging 2021 freiwillig nach Russland zurück, um – wie in seiner Biographie zu lesen ist – im Widerstand glaubwürdig zu bleiben. Er wusste, dass er in der Haft sterben würde. Schlimmste Bedingungen waren das. Er verbrachte in den Jahren bis Febr. 2024 allein 300 Tage in Einzel-Straf-Haft in einer „Hundehütte aus Beton“, wie er seine Zelle nannte. Einzelhaft zumeist, war sie auf direkten Befehl aus dem Kremel angeordnet,für Lächer-lichkeiten wie z.B. einem weggeplatzten Knopf auf seiner viel zu engen Jacke.
Aber all das konnte ihn nicht brechen. In den Aufzeichnungen schreibt er immer wieder: „Ich muss aufpassen, dass ich nicht verbittere.“ Woher hat dieser Mann diese Kraft. Er hält sich fest vor allem an der Liebe zu seiner nicht weniger beeindruckenden Frau, der Hoffnung auf Veränderungen in seinem Land und schließlich auch an seinem Glauben. Das Buch, das er hat, ist die Bibel. Er beschreibt, wie er im Hungerstreik seinen Glauben an Jesus und die Bergpredigt entdeckt hat, vor allem für die Zusage: „Selig, die hungern nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt.“ Es geht nicht nur um meinen Hunger, es geht um den Hunger ganz Russlands, schreibt er.
Ein Mithäftling hatte ihm heimlich eine kleine Ikone vom Erzengel Michael, dem Patron Russlands, zugesteckt, die er immer bei sich trug und an der er sich stärkte. Dazu schreibt er: „Mir war danach, in meiner Einzelzelle zur Überwachungskamera zu gehen, die Ikone vor die Linse zu halten und den Wärtern zuzubrüllen: „Seht her, ich bin nicht allein!“ Natürlich wollte er nicht riskieren, dass ihm die Ikone genommen würde. Und tat das nicht.
Der Erzengel Michael ist eine mythische Figur, ein Archetyp tief in unserer Seele, der dafür steht, dass es in uns eine überirdische, eine göttliche Kraft gibt. Bis zur letzten Minute seines Lebens ist Nawallny wach geblieben und nicht müde geworden, Korruption und Kriminalität der herrschenden Schicht seines Landes zu entlarven,aufzudecken, in welch unermesslichen Reichtum z.B. Putin lebt
Kürzlich habe ich mit einer Bekannten über diese Biographie gesprochen. Die sagte: Nawallny, der war doch verrückt, wie konnte er nur nach Russland zurückkehren, wo er doch bei uns in absoluter Sicherheit war. ER gibt die Antwort: Ich wollte glaubwürdig bleiben. Wäre ich nicht zurückgegangen, hätte ich den Glauben an mich, meine Identität und damit meine Würde verloren.
Das sind prophetische Kräfte, die bestimmte Menschen auszeichnet. Z.B. Johannes der Täufer, er ist nicht weggelaufen vor seinem Mörder Herodes. Dietrich Bonhoeffer, er kam 1938 aus dem sicheren Amerika zurück, um dem Diktator in seiner Heimat zu widerstehen, wohl wissend, dass es ihn das Leben kostete.
Ich glaube, es gibt in jedem Menschen von uns eine prophetisch Kraft, so etwas wie eine innere Leidenschaft. Sie weckt uns z.B. auf, wenn wir spüren, dass Menschen missbraucht, gedemütigt oder ungerecht behandelt werden. Aber ich kenne auch von mir,dass mit oft der Mut fehlt, aufzubegehren, wo es nötig ist, meine Meinung zu sagen, wenn Unrecht geschieht. Ein Satz, der mich im Leben wie kaum ein anderer berührt hat, findet sich im letzten Flugblatt der Weißen Rose, der studentischen Widerstandsgruppe gegen Hitler. Nach dem Tod der Geschwister Scholl wurde dieses Flublatt durch englische Flugzeuge millonenfach über Deutschland abgeworfen. Der Satz darin lautet: „Versteckt eure Feigheit nicht hinter dem Mantel der Klugheit.“ Damit tröste ich mich doch auch oft, dass ich mir sage: Es ist jetzt nicht klug, dieses oder jenes anzuprangern. Aber in Wirklichkeit ist es Feigheit. Und dann muss ich mir bisweilen eingestehen, dass mein Maß an Feigheit mal wieder größer ist als das an Mut.
Kürzlich erfuhr ich, wie jemand sich ein Herz gefasst und seine Feigheit überwunden hat. Nach über 10 Jahren Mitgliedschaft ist er wegen seiner christlichen Überzeugung aus der AFD ausgetreten. Als man ihn fragte: Warum? Da sagte er: Ich konnte die Angstschürerei dieser Partei vor allen Fremden nicht mehr teilen. Ganz quer kam es mir, als ein Parteimitglied mir sagte: Ich bin Christ. Aber der Satz „Liebe Deinen Nächsten“ gilt für mich nur für die, die in Deutshcland geboren sind. Da konnte ich nicht mehr mitmachen und musste antworten: Nein! In der Bibel steht nicht: Liebe nur 6 oder 10 Nächste oder 200.000 Nächste;oder 80 Millonen deutsche Menschen. Liebe den Nächsten, steht da; jeder ist Dein Nächster; als im Aprol dioeses Jahres der amerikanische Vizepräsident gesagt hat: Ich bin katholischer Christ, aber meine Liebe gilt zunächst nur meinem Volk, da hat Papst Franziskus noch vom Sterbebett geantwortet: Mein Lieber J.D. Vance, da hast du diesen Jesus irgendwie nicht verstanden.
Ich wünsche uns für die nächste Zeit, das kommende Neue Jahr als Christen den Mut, diese christlichen Werte zu verteidigen und z.B. bei den weihnachtlichen Feiertagstreffen und vielen anderen Gesprächsrunden zu unserer Leidenschaft, zur unserer inneren Glaubensüberzeugung zu stehen und blöden Stammtischparaolen zu widersprechen. Amen.