Liebe Schwestern und Brüder,
Erinnern Sie sich noch an jenen 9. November 1989, wie die Menschen sich in die Arme fielen, die Trabis durch Absperrungen fuhren, Verwandte sich wiedersahen und Westdeutschland den Ostdeutschen wie ein Paradies vorkam.
Mir fiel in jener Nacht der Psalm 126 aus der Bibel ein, der geschrieben wurde, als die Israeliten im 6. Jahrhundert vor Christus nach über 60- jähriger Gefangenschaft in Babylon als ein kleiner Haufen zurückkehrten nach Jerusalem. Da heißt es:
Als der Herr das Los der Gefangenschaft Israels wendete,
da waren wir alle wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen
und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den andern Völkern:
„Der Herr hat an ihnen Großes getan.“
Und 1989?
Als der Herr das Los der Gefangenschaft von 17 Millionen Deutschen wendete, da waren sie wie Träumende, da waren ihre Gesichter voller Lachen, und ihre Füße tanzten auf der Mauer, die gerade noch Tod und Vernichtung brachte, da sangen sie Jubellieder wie einst zu Tochter Zions Zeiten und tranken gemeinsam den Sekt der Freude,
denn die, die mit Tränen gesät hatten, durften jetzt mit Jubel ernten.
Und die anderen Völker, die Völker Großbritanniens, die Völker Amerikas, die Völker Afrikas und Asiens, die so lange auf die gespaltene Stadt Berlin und das geteilte Europa geschaut hatten, sagten:
Seht sie euch an, Großes ist an ihnen geschehen, nie für möglich Gehaltenes, nie Geglaubtes ist passiert. In dieser Nacht sagte man nicht mehr „die aus dem Osten und die aus dem Westen“. In dieser Nacht sagte man nur noch: Wir sind alle Menschen. In einem Wimpernschlag der Geschichte waren plötzlich alle Grenzen aufgehoben. Denn dies war die Heilige Nacht der Deutschen, sieben Wochen vor Weihnachten.
(Drahtkreuz aus Thüringen) Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich diesen Draht heute vor 36 Jahren angefasst hätte, dann lebte ich jetzt nicht mehr. Denn da war er noch Bestandteil der innerdeutschen Grenze. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben Christen aus Heiligenstadt in Thüringen aus Teilen dieses Zaunes Kreuze gemacht. Unten sehen sie einen Bestandteil des Lamellenzauns, oben drüber gleichsam wie eine Dornenkrone der Stacheldraht.
Gläubige Menschen im ehemaligen Ostdeutschland sagen heute noch, dass dies geschehen konnte, verdanken wir unserem Glauben, dem Glauben an uns selbst, dem Glauben an unsere Freiheit und dem Glauben an Gott. Und waren sie nicht tatsächlich monatelang, jeden Montag, von Kirchen ausgezogen mit Kerzen in den Händen und mit Gebeten auf den Lippen und Liedern wie diesen, das der Jenaer Pfarrer Klaus Jentsch eigens für die Montagsdemonstrationen gedichtet hatte : „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land.“
„Wir waren auf alles eingestellt,“ sagte im nachhinein ein Stasigeneral, „aber nicht auf Kerzen und Gebete.“ Kerzen und Gebete können die Welt verändern, wenn sie nicht nur in den Händen, sondern in den Herzen brennen.
Die damals brannten, die Anführer der friedlichen Demonstrationen im September,Oktober, November 1989, die ihre Freiheit und ihr Leben riskierten, Menschen wie Eppelman, Tschiche, Wonneberg, Ulrike Poppe, Bärbel Bohley, Fischer, Schorlemmer und viele andere, spielten im wiedervereinigten Deutschland kaum noch eine Rolle. Wahlerfolge feierten andere, die, die den Gott des Geldes, der D-Mark brachten.
Aber was damals ein großes Lagerfeuer des Friedens und der Freiheit aller Deutschen war an jenem 9. November, brennt immer noch, als kleiner glimmender Docht zwar, aber er ist da. Vor wenigen Jahren war ich in Eisenach, besuchte die Georgenkirche dort. Da stand am Eingang das Schild: Jeden Montag um 17.00 Uhr Friedensgebet. Ich ging dahin und sprach mit dem Leiter des Gebets. Er sagte mir: „Friedensgebete gibt es hier seit den siebziger Jahren. Viele Jahre waren es jeden Montag wenige Menschen, so 20 bis 40, die sich hier versammelten. 1989 waren es plötzlich viele Tausend, jetzt sind es wieder 20 bis 40. Aber wir beten weiter. Eines Tages wird man auch in Deutschland wieder erkennen, dass es ohne Kerzen und Gebete nicht geht, dass wir den transzenden, allumfassenden Gott brauchen, damit das gemeinsame Leben gelingt.
Der Docht glimmt weiter, auch hier im St. Vinzenz-Altenzentrum, mehr noch in unseren Herzen.