Predigt vom 7.9.2025 – Berufung

Liebe Schwestern und Brüder,

Ruth Pfau, die 2017 im Alter von 88 Jahren verstorben ist, war eine deutsche Ordensschwester und Lepraärztin, die im hohen Maße dazu beigetragen hat, dass Lepra heute weitgehend unter Kontrolle ist. In Pakistan erhielt sie den Titel einer Nationalheldin, weil sie dort mit ihrem Team das Lepra-Problem bekämpft und nahezu vollständig beseitigt hat.

In den Ländern Asiens hat Ruth Pfau einen ähnlichen Ruf wie Mutter Teresa. Sie ist praktisch die deutsche Mutter Teresa. 

Als sie in den letzten Jahren ihres Lebens mal in Deutschland auf Heimaturlaub war, da wurde sie vom ZDF in eine Talkshow eingeladen. Die Talkmeisterin fragte sie, wie sie dazu gekommen sei, ihr ganzes Leben in diese schwere Arbeit in Pakistan zu investieren? Da hat sie erzählt, dass sie als junge Medizinstudentin in den 50-er Jahren diese Riesenstadt Karatschi in Pakistan besucht hatte. Sie ging durch die Stadt und sah in elenden Slumgebieten zumeist unter freien Himmel  zahlreiche Leprakranken oft qualvoll sterben. Und sie sagte: Da blieb ich mit einem Ruck stehen, und es hat bei mir Klick gemacht und es schoss mir plötzlich der Gedanke in den Kopf: „Dafür hat er dich also gemacht.“ Die Talkmeisterin fragte: „Wer hat sie wofür gemacht?“ Ruth Pfau antwortete: „Na Gott, dafür hat er mich in die Welt geschickt, dass ich mich als Ärztin um diese erbärmlichen Menschen kümmere.“

Liebe Schwestern und Brüder, kennen  Sie aus Ihrer Lebensgeschichte solche Punkte, wo es Klick machte und plötzlich der Gedanke Ihnen in den Kopf schoss: Dafür bin ich da, für diese Aufgabe, für diesen Menschen, für diese Liebe, für diese Fähigkeit, mit Musik, mit Fröhlichkeit oder Dankbarkeit einem Menschen Freude zu machen? All das sind Formen von Berufung, von der Nachfolge Jesu, wovon das heutige Evangelium spricht. Kürzlich traf ich eine junge Frau. Sie hatte ein Schulpraktikum in einem Altenheim gemacht. Sie war beeindruckt von den hochbetagten Menschen, von deren Lebensgeschichten und ein bischen auch von deren Glauben. „Das ist ja viel besser, diesen alten Menschen zuzuhören, als den ganzen Tag nur ins Smartphone zu schauen“, sagte sie. „Ich glaube, ich mache mal die Ausbildung als Altenpflegerin.“ Bei dem Mädchen hat es Klick gemacht.  Ich weiß nicht, ob sie die Ausbildung wirklich macht und diese Berufung durchhält. Aber kann es nicht sein, dass sich in ihr etwas von Gott gemeldet hat: „Dafür habe ich dich geschaffen.“ 

Es ist für unsere Lebensgestaltung von Bedeutung, ob ich an die Existenz Gottes glaube oder nicht. Naturwissenschaftlich kann ich nicht beweisen, dass es Gott gibt. Ich kann aber auch nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt. Ich muss mich entscheiden, ob ich mein Leben im Vertrauen auf Gott lebe oder nicht. Und da kann ich im Rückblick auf mein Leben sagen, dass es Perioden gab, da fühlte ich mich von Gott getragen. Genau das hatten manche Hochbetagte im Altenheim dem jungen Mädchen auch erzählt, dass also Vertrauen in Gott trägt. 

Wofür hat Gott mich gemacht? Wie aber merke ich, was für mich richtig ist, was Gott von mir will? Ich habe vor meinem Abitur oft in meiner Schülerbude gesessen und Gott gefragt: Willst Du, dass ich Priester werde oder nicht? Ich kann nicht sagen, dass ich eine Antwort bekommen hätte. Gott hat mir die Entscheidung nicht abgenommen. Aber als ich sie gefällt hatte, da war mit klar, dass sie richtig war und erst in den Jahren danach habe ich gemerkt, ich bin von Gott geführt. Das ist christlicher Glaube: Den Weg, den ich gehe, werde ich geführt. Liebe Mitchristen, Sie haben sich vielleicht vor vielen Jahren entschieden für einen Ehepartner oder eine Partnerin und darauf vertraut, dass die Entscheidung richtig war.  Wenn Gott die Grundlage ihres Lebens ist, können sie dann nicht im Nachhinein auch sagen: Ich wurde, ich werde geführt. Sonst hätte ich vielleicht manche Tiefen nicht überwunden.

Der große evangelische Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer war 1938 schon New York in Sicherheit. Er hätte die Nazizeit überlebt, wenn er da geblieben wäre. Aber alles in ihm drängte den jungen Pfarrer zurückzugehen, seine bedrohten Freunde in Deutschland nicht im Stich zu lassen, obwohl ihm dort Folter und Tod drohten. In qualvollen Gebeten bat er viele Wochen lang um ein Zeichen Gottes gerungen, was er tun sollte. Er bekam keines. Dann entschied er sich, aufs Schiff zu gehen, zurück nach Deutschland. Das Schiff war gerade wenige Kilometer vom Ufer entfernt, da wusste Bonhoeffer, dass es Gott so wollte, und er ihn auch durch Tod und Leid nicht im Stich lassen würde. 

Das heutige Evangelium meint: In manchen Menschen gibt es Leidenschaften, für die sie alles stehen und liegen lassen, alles hinter sich lassen; manchmal sind es ganz große Leidenschaften wie die von Blutzeugen wie Bonhoeffer; oft aber sind diese Leidenschaften noch ganz zart wie kleine Pflanze wie bei unserer Praktikantin im Altenheim. Aber sie werden blühen, wenn sie sich gottgetragen wissen. Wie hatte doch Bonhoeffer in einer der dunkelsten Nächte seines Lebens geschrieben:

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Erwarten wir getrost, was kommen mag,

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


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