2024-02-18-1.Fa._So.-Nichts gelernt
Liebe Schwestern und Brüder,
ich hab kürzlich eine ernüchternde Erfahrung gemacht. Ich war mit dem Buch „Kopf hoch – sonst siehst du die Sterne nicht“ zu einer Lesung in einer Bildungsstätte im Kreis Gütersloh. Das Buch ist entstanden auf der Höhe des Corona-Lockdowns im November 2020. Es geht darum, wie Menschen damals die Pandemie erfuhren und was wir vielleicht für die Zukunft daraus lernen. Danach habe ich Menschen per Telefon befragt. Viele positive Erfahrungen wurden genannt:
die Fische in den Lagunen von Venedig können wieder schwimmen und hüpfen, weil die Kreuzfahrtschiffe ausbleiben. Urlaub mit Flugreise auf die Malediven muss nicht sein, Wandern im Sauerland ist auch schön. Wir speisen nicht mehr in exquisiten Lokalen, erfreuen uns am Wert der regionalen und nachhaltigen Lebensmittel. Das Auto kann stehen Fahrrad fahren ist gesünder.
Als ich bei der Lesung im Kreis Gütersloh die Frage stellte: Was ist denn daraus geworden, da kam richtig Unmut auf. Die Leute wollten davon nichts wissen. Denn gut drei Jahre nach diesen Corona-Höhepunkten ist fast wieder alles beim Alten. Die Lufthansa macht wieder Rekordumsätze; die Müllberge z.B. durch einen unendlich steigenden Online-Versand steigen ins Unermessliche; Der Trend geht zum Drittauto;
Verzicht funktioniert in unserer Welt nicht. So schlussfolgern moderne Soziologen. Verzicht ist aber doch das große Programm der Fastenzeit und Askese ein Grundthema der Christenheit. Unsere heutige Lebensweise, das spüren alle, ist nicht zukunftsfähig. Aber als der Bundeswirtschaftsminister neulich sagte: Wir müssen damit rechnen, dass wir ärmer werden, da haben alle aufgeschrien. Warum?
Adam Ferguson, ein schottischer Aufklärer hat schon vor 200 Jahren den denkwürigen Satz geprägt: „Der Mensch erträgt es, arm zu sein, aber nicht arm zu werden.“ Ja, es gibt Milliarden von Menschen, die müssen es ertragen, arm zu sein. Vielleicht ertragen sie es, weil sie es nicht anders kennen. Und ich denke, sie haben andere Lebensziele entwickelt. Vor vielen Jahren habe ich einige Monate in den Slums von Buenos Aires mitgelebt in der Pfarrei eines befreundeten Priesters. Die Menschen lebten in Wellblech- oder Holzhütten mit offenen Abwasserkanälen mit ständigen Überschwemmungen. Ein bitter armes Leben und trotzdem strahlten viele, leuchteten von innen. Ich fragte: Wie kann man so leben und trotzdem lachen. Die Menschen sagten: Wir leben in provisorischen Hütten. Aber ist nicht unser ganzes Leben auf dieser Erde ein einziges Provisorium. Unser wirkliches Zuhause ist doch bei Gott. Ich dachte damals: Das geht auch für dich, arm zu sein. Alles, was Du hast brauchst du nicht, dein Auto, deine Rücklagen auf der Bank, den Luxus, die Bequemlichkeit. Die Leute hier kommen doch auch ohne dem aus. Ich war noch keinen sechs Wochen wieder zu Hause in Deutschland, da war alles wieder anders. Ich brauchte das alles wieder.
Warum? Weil ich wahrscheinlich das nicht hatte, was die Menschen in Buenos Aires hatten, den Reichtum an Beziehung, an Gemeinschaft, Herzlichkeit, an Glauben und an diesem Leuchten in den Augen. Natürlich gab es oft auch Streit, manchmal heftig. Aber nie schwand das Bewußtsein: Es geht ohne den anderen Menschen nicht und auch nicht ohne Gott.
„Der Mensch erträgt es, arm zu sein, aber nicht arm zu werden.“
Das habe ich erfahren.
Aber geht es ohne Verzicht nicht. Wo liegt die Quelle für den Mut Verzicht zu wagen. Wie die Osternacht so beginnt auch der erste Fastensonntag mit der Erinnerung an die Genesis, an die Schöpfung.
Alles, alle Tiere, Menschen, Lebewesen, sind ist durch den Bund Gottes miteinander verbunden. Zeichen dafür ist der Regenbogen mit seiner Pracht und Vielfalt. Gott ist letztlich der non-duale, all-eine, unzerstörbare Kern des Lebens, in dem jeder Einzelne von uns aufgehoben ist. Aber der Mensch traut diesem Wunder des Lebens nicht, weil er Angst hat, arm zu werden. Und darum ist er – anders als Jesus im heutigen Evangelium – ständig versucht, dem satanischen zu erliegen, immer mehr zu raffen ohne Rücksicht auf die Schöpfung und künftige Generationen.
Was die Genesis-Lesung da schreibt, das hat Alexander v. Humboldt schon vor über 200 Jahren nachgewiesen. Er ist viele Jahre seines Lebens unter schwersten Bedingungen in den Regenwälder Amerikas unterwegs gewesen, später in Sibirien, in asiatischen Ländern. Er hat jede Pflanze, jedes Tier, alle Lebewesen, die ihm begegnet sind, untersucht, aufgezeichnet und katalogisiert. Er hat tausende von Lebensarten neu entdeckt. Er hat den Chimborasso bestiegen und ist in unzählige Vulkane hinabgestiegen. Er hat festgestellt: Da unten ist nicht die Hölle, aber auch unterirdisch ist die Erde durch einen Feuerring miteinander verbunden. Seine Grund-erkenntnis: Alles Leben ist miteinander verbunden, alles kommt letztlich aus einer Zelle, aus einer Wurzel. Schadest Du dem Leben an der einen Seite, merkst Du es an der anderen. Schon vor 200 Jahren hat er immer wieder gesagt: Wenn ihr weitermacht, die Wälder abzuholzen, dann wird es bald im Klima irreperable Schäden geben. Heute haben wir den Salat. Es gibt Schäden, die sind nicht mehr zu reparieren. Verzicht ist eine Glaubens-, eine Vertrauensfrage. Die Genesis sagt: Habt keine Angst, ihr lebt zwar im Provisorium, aber die Verbindung zum göttlichen ewigen Kern, werdet ihr niemals verlieren. Amen.