2020-12-06 2. Advent 2020
Der Tamburmajorimpuls
Mk 1, 11-8
Die Adventszeit ist von großen Propheten und Visionären bestimmt: Jesaja, Jeremia, Johannes der Täufer… In moderner Zeit gehören dazu auch Menschen wie Bonhoeffer, Alfred Delp oder Martin Luther King.
Der farbige Bügerrechtskämpfer, Friedensnobelpreisträger in den USA, der am 4. April 1968 mit 39 Jahren erschossen wurde, hat in seinen großen Reden die alten Propheten zitiert, z.B. auch die Sätze des Jesaja und des Johannes von heute in seiner großen Traumrede: Ebnet dem Herrn den Weg, bahnt ihm eine Strasse in der Steppe, also dieser Zeit des Rassenhasses, in der Steppe von 1968, von 2020 black life matter. Das war sein Anliegen: Farbige sind auch Menschen, gleichwertige Menschen.
Als wir heute Morgen in Steinhausen einen jungen Menschen von 46 Jahren zu Grabe geleitet haben, der den Steinhäusern vor allem als Tambourmajor des Spielmannszugs in Erinnerung bleiben wird, fiel mir eine andere Rede von Martin Luther King ein, die er acht Wochen vor seinem Tod gehalten hat, am 4. Februar 1968. Sie trägt den Titel: Der Tambourmajor-Impuls. In dieser Rede hat er seinen gewaltsamen Tod vorausgeahnt. Er hat da gesagt:
„Und hin und wieder denke auch ich an meinen Tod, und ich denke an meine Beerdigung. Ich denke daran nicht in einer krankhaften Weise. Hin und wieder frage ich mich selbst: „Was sollte – wenn es nach mir geht – dann gesagt werden?“
Ich möchte, dass jemand an jenem Tag sagt: „Martin versuchte mit seinem Leben anderen zu dienen.“ Ich möchte, dass jemand an jenem Tag sagt: „Martin Luther King versuchte, Liebe zu üben.“
„Wenn ihr sagen wollt, dass ich ein Tambourmajor gewesen bin, so sagt, ich sei ein Tambourmajor der Gerechtigkeit gewesen. Sagt, ich sei ein Tambourmajor des Friedens gewesen. Sagt, ich sei ein Tambour-major der Rechtschaffenheit gewesen. Alles andere zählt nicht. Ich will keine Reichtümer noch kostbare Gegenstände hinterlassen. Ich möchte ein engagiertes Leben hinterlassen. Das ist alles, von dem ich will, daß es gesagt wird.“
Als er am 4. April 1968 nach Memphis Tennesse kam, wurde er auf dem Balkon des Lorrainhotel erschossen. Genau acht Stunden davor hat er auf demselben Balkon seine letzte Rede gehalten und gesagt: „Einige meiner kranken weißen Brüder wollen mich umbringen. Wie jeder andere möchte ich ein langes Leben leben. Es ist schon etwas dran an einem langen Leben. Aber das kümmert mich nicht mehr. Ich bin auf dem Berg gewesen. Wie Mose habe ich hinuntergesehen. Und ich sah das gelobte Land. Und ich weiß, dass ihr als farbiges Volk von Amerika dieses Land der Freiheit erreichen werdet. Deshalb bin ich heute Abend glücklich. Meine Augen haben die Glorie der Ankunft des Herren gesehen.“
Die Todesstunde war für Martin Luther King Weihnachten. Sie ließ ihn die Glorie der Ankunft Gottes sehen.
Martin Luther King war der Meinung, jeder von uns sei in irgendeiner Weise ein Tambourmajor, er könne zumindest eine kleine Parade anführen; jeder an seinem Ort könne etwas mehr Menschen-freundlichkeit in seine kleine Welt bringen, etwas mehr Frieden und Barmherzigkeit.
„Denn nicht das ist Weihnachten, ein süßes Märchen mit „Leise rieselt der Schnee“ mit der neuesten Modecreation und modernsten Elektro-Autos, Marzipan und Lichterblendung, Smartphones, Tablets und playstation 7. Weihnachten ist, dass Gott uns anrührt, ankommt in unserem Leben, weil das Schicksal so vieler auch sein Herz gebrochen hat, dass er deshalb unsere Hände greift und sie an sein gebrochenes Herz legt, dass er zu dir sagt: ich bin dein Gott mit Dir. Nur durch dich kann ich den Himmel öffnen, nur durch dich kann ich Trost sein für Leidende, nur durch dich kann ich die verriegelten Herzen erlösen. Sagt es allen, nur das ist Weihnachten. Vielleicht finden wir in diesen Coronazeiten, da so viel Blendung wegfällt, wieder Zugang zum Weihnachten, von dem die Propheten sprechen einschließlich MLK, dass die Glorie Gottes, der Lichtschein Jesu durch uns in die Welt leuchtet:
Liebes Christkind sei so lieb
bring uns keine Gaben,
die es auch im Kaufhaus gibt,
weil wir die schon haben.
Bring uns Mut und Tapferkeit,
… Wahres laut zu sagen
und des andern Not und
Leid liebend mitzutragen.
Bring uns mehr Verbundenheit.
Schenk uns Ruhe, Einkehr, Rast,
nur ein kleines bisschen Zeit
statt der Eile und der Hast.
Schenk uns eine harte Nuss,
die wir knacken müssen.
Weich macht uns der Überfluss,
wenn wir nichts vermissen.
Bring uns einen Tannenbaum
aus gesundem Walde.
Oh welch schöner Weihnachtstraum,
Christkind komm doch balde