Predigt vom 7.10.2018 – Kinder

2018-10-07_27._ Sonntag im Jahreskreis 2018 – Mt 10, 13-16

Kinder

Liebe Schwestern und Brüder,

„….nach Hause telefonieren…“ Das ist einer der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte. Er stammt aus einem der erfolgreichsten Filme Hollywoods, dem „Außerirdischen“ von Steven Spielberg, 1982 erschienen. Außerirdische waren auf der Erde gelandet und nahmen in einem Wald bei Los Angeles Pflanzenproben. Als sich ihnen Regierungsagenten nähern, verlassen sie mit ihrem Raumschiff überstürzt die Erde. Ein kleines grünes Wesen, ein Außerirdischer namens E.T., bleibt zurück, weil er sich zu weit vom Raumschiff entfernt hatte. E.T. freundet sich mit einem Jungen namens Elliot an, der ihm die Menschnsprache lehrt. Weil E.T. ständig Heimweh hat, wiederholt er immerzu diesen Satz: „…nach Hause telefonieren…“

Das ist ein Satz, der vor Sehnsucht geradezu platzt. Und darum haben die meisten von uns seinen Sound noch im Ohr. Ich muss immer an ihn denken, wenn ich geflüchtete Menschen mit Handy oder Smartphone in der Hand sehen.  Da regen sich viele auf und sagen: Warum sind die denn so scharf auf diese sozialen Medien? Die sollen doch ihr Geld lieber für sinnvolle Sachen ausgeben. Wer viele tausend Kilometer entfernt ist von seiner Heimat, weil er aus Guinea, Nigeria, Eritrea, Syrien, Afghanistan oder woher auch immer stammt, der eine displaced person, eine radikale der Heimat, der Kultur und der Religion entwurzelte Person ist, wo will der denn hin mit seinem ihn zerfressenden Heimweh, wenn er das nicht könnte: Nach Hause telefonieren. Diese digitale Verbindung allein erhält viele am Leben.

 

Was Heimweh wirklich ist, was Gefühle bedeuten, das verstehen am besten die Kinder, möchte ich in Annäherung an das Evangelium dieses Sonntags sagen. Kinder verstehen am meisten von Gott, sagt Jesus im heutigen Evangelium, weil sie wissen, was Zuwendung, Umarmung und Liebe ist. Kinder begegnen Menschen nicht mit Vorurteilen und Ängsten im Kopf, beurteilen sie nicht nach Aussehen, Sprache und ihren Lebenssitten, sondern allein nach Zuneigung. Sie kennen wahrscheinlich dieses kleine Youtube-Video, in dem ein Mann einen vierjährigen Jungen fragt: Gibt es bei euch im Kindergaten auch Ausländer? Nein, sagt der Kleine, nur Kinder. Ja, Kinder wissen, wie Gott die Welt gewollt hat.

 

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, wenn ihr nicht zu dem Urvertrauen zurückkehrt, das ihr als Kinder hattet, sagt Jesus, dann könnt ihr nicht bei euch selbst ankommen, bei euch selbst zu Hause sein.  Kinder tun das ständig: Nach Hause telefonieren. Die Sehnsucht nach umfassender Geborgenheit ist die Triebfieder ihres Lebens. Und Urgeborgenheit ist wieder nur ein anderes Wort für Gott.

 

Dass aber die sozialen Medien auch eine ganz andere Seite haben, dass sie Heimat und Geborgenheit geradezu vernichten können, darauf weist in scharfer Form der Philosoph Richard David Precht in seinem diesjährigen Bestsellerbuch „Jäger, Hirten, Kritiker“ hin. Er spricht unter anderem von der zunehmenden Segmentierung der Gesellschaft durch Digitalisierung. Dazu folgende Scene: Eine Familie sitzt sonntags morgens am Frühstückstisch Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Sie reden nicht miteinander, sondern jeder ist nebenbei mit seinem Smartphone beschäftigt. Das heißt er kommuniziert mit irgendetwas oder irgendwem ganz woanders, nicht mit den Menschen in seiner Nähe.  Das ist philosophisch gesehen Entfremdung in Nähe, Vereinzelung durch Technik. Da wird nicht mehr gemeinsam gelacht, erzählt, geschimpft und gestritten. Da haut auch keiner mehr auf den Tisch, weil alle schon längst geistig abgehauen sind in ferne Medienwelten. Nach Hause telefonieren?! Das Gegenteil ist der Fall. Man telefoniert sich von Zuhause weg. Die physische und psychische Nähe wird durch virtuelle Entfernung verdrängt.

 

Jesus dagegen strahlt Nähe aus. Er umarmt die Kinder. Gott ist also da, wo man sich umarmt, wo man Beziehung aufnimmt und sich mag. Was wir heute brauchen, ist eine Kirche der Nähe, des Vertrauens, wo man einander in Freud und Leid gemeinsam trägt. Angesichts dieser Herausforderung hinterlässt der Missbrauch so vieler sog. Würdenträger gerade an Kindern einen Scherbenhaufen. Er macht mich ratlos, sprachlos, ohnmächtig, wütend und zornig. Statt Herzlichkeit und Nähe ist sexuelle Gewalt geschehen.

 

Ich fürchte jetzt nur, dass das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet wird, dass uns bei der Kritik an der Kirche Jesus verloren geht.

Mahatma Gandhi hat das Neue Testament einmal die wertvollste Botschaft genannt, die die Welt je erreicht hat, die Botschaft von Gewaltlosigkeit und Barmherzigkeit. Jesus von Nazareth hält er für den besten Menschen, der je gelebt hat. Und er hat gesagt, wenn ich nur einen Christen treffe, der diese Botschaft der Gewaltlosigkeit  lebt, ich würde sofort Christ. Gandhi hat sie gelebt als Hinduist, heute leben sie die Jesidin und Friedensaktivistin Nadia Murad und der kongolesische Arzt Denis Mukwege, die Friedensnobelpreisträger dieses Jahres, und viele andere, z.B. im Untergrund Chinas Menschenrechtsaktivisten, die regelmäßig in der Bibel, in der Bergpredigt lesen, um von dort ihre Kraft zum Widerstand zu holen. So müssen wir auf dem derzeitigen Trümmerhaufen Kirche neu aufbauen, indem wir im Neuen Testament lesen, wie Jesus seine Gemeinde eigentlich gewollt hat. Amen.

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