Predigt vom 9.9.2018 – Hören und fühlen

2018-09-09-23. Sonntag im Jahreskreis : Hören und Fühlen
Mk 7,31-37

Liebe Schwestern und Brüder,

„wer nicht hören will, muss fühlen.“ Als Kinder haben vielleicht viele von uns diesen Satz mehrfach am Tag gehört, von ihren Eltern, von den Lehrern? War das Inhalt einer schwarzen Pädagogik nach dem Vorbild von Struwwelpeter, die nicht selten mit körperlichen Strafen arbeitete? Oder stand dahinter die Erkenntnis, dass der Mensch viel stärker über das Gefühl als über das Hören und die verstandesmäßige Erkenntnis lernt. Und dieses Gefühl ist vorwiegend ein seelisches Fühlen. Wenn man z.B. bei uns Zuhause den Teller nicht leer aß, das Schulbrot wegwarf oder im Tornister verschimmeln ließ, dann musste man fühlen, dass das nicht in Ordnung war und durfte z.B. abends nicht am Abendmessen teilnehmen und musste hungrig ins Bett gehen. Ich seh mich noch des Nachts in die Küche schleichen und heimlich ein Stück Brot aus dem Schapp holen. Aber schlimmer als der körperliche Hunger war die seelische Beschämung, dieses Gefühl, ausgegrenzt zu sein.

Wer nicht hören will, muss fühlen.

Psychologen sagen uns heute, der Mensch besteht zu 90 % aus Unterbewusstsein und nur zu 10 % aus Bewusstsein. Das heißt, er wird viel stärker von seinen Gefühlen gesteuert als vom Verstand. Was wir verstandesmäßig wissen, setzen wir noch lange nicht um, wenn es uns nicht im Gefühl berührt. Im Verstand wissen wir heute schon lange, dass wir so nicht weiterleben können, dass wir nicht zusehen dürfen, dass jeden Tag 120 Tier- und Pflanzenarten sterben, der Klimakollaps vor der Tür steht, dass wir unbedingt unseren Lebensstil ändern müssen. Jeder weiß das, aber nur ganz wenige ziehen daraus Konsequenzen. Warum nicht? Weil wir es wissen, aber nicht fühlen, also davon im Gefühl berührt sind.

 

Vor Jahren war ich einmal mit einer Gruppe in Afrika unterwegs. An einem Tag hatten wir uns morgens Butterbrote für eine Wanderung geschmiert. Als wir die Brote mittags auspackten, waren die meisten davon in dem feuchttropischen Klima verschimmelt. Einige von uns warfen diese Brote in einen Mülleimer. Als wir weitergingen, näherten sich vorsichtig einige afrikanische Kinder dem Mülleimer, nahmen die Brote heraus, packten sie sorgfältig ein und zogen damit freudestrahlend nach Hause. Das hat mich so berührt, dass ich seitdem immer ein schlechtes Gefühl habe, wenn ich Lebensmittel entsorgen muss.

 

Wer nicht hören will, muss fühlen. Die Folgen der Umweltzerstörung fühlen wir Mitteleuropäer jetzt noch nicht. Wir können immer noch den Wasserhahn aufdrehen und haben von allem mehr als genug zu Leben. Diese Folgen spüren z.Z. die Menschen in anderen Ländern, in den Dürregebieten am Horn von Afrika oder den Überschwemmungs-regionen in Bangladesch und anderswo. Sie spüren vielleicht aber auch irgendwann unsere Enkelkinder hier in Europa. Darum richten die christlichen Kirchen im Weltschöpfungsmonat September an die heutige Generation den Appell, verantwortlicher zu leben nach dem Prinzip, „Weniger ist mehr“, also mehr von seelischen Werten zu leben, als von materiellen Gütern. Es muss z.B. im Urlaub nicht eine Kreuzfahrt im Atlantik sein, eine Wanderung im Sauerland ist auch ganz schön.

 

Der Mensch lernt über Berührung, weniger über Wissen. Komisch ist, dass Jesus bereits davon wusste. Im Evangelium heute begegnet er einem Taubstummen. Dieser Taubstumme könnte doch auch für Menschen stehen, die für alles taub sind, für Werte, für soziales Engagement, für Verzicht, Glaube und Liebe, für Teilen, die nur in sich leben und an sich denken. Jesus weiß: Diese Menschen heile ich nicht, wenn ich ihnen ein therapeutisches und medizinisches Wissen an die Hand gebe. Die heile ich nur durch Berührung. Er greift dann zur tiefsten Berührung, zu der ein Mensch fähig sein kann. Er spuckt auf die Erde, macht einen Teig und berührt dann mit dieser Spucke die Ohren und die Zunge des Mannes. Denken Sie jetzt nicht: Pfui, was soll das denn, ist ja ekelig.

Einen anderen mit seinem Speichel berühren, wann tun Menschen das denn? Ja, dann wenn zwei Liebende sich küssen. Die Geschichte  sagt: Gott liebt uns so sehr, berührt uns so innig, wie zwei frisch verliebte junge Menschen sich berühren.

 

Dann kommt das Effata, das Öffne dich. Jesus sagt: Mensch, mach doch mal deine Augen auf, Öffne deine Ohren, deine Stimme und vor allem dein Herz: Weil ich dich schon seit Babytagen berühre, dich lieb habe, mußt Du nicht im Luxus schwelgen, um wichtig zu sein, darum kannst Du andere berühren durch deinen Verzicht, kannst Du einfacher leben, damit die heutige Umwelt und die zukünftige Welt deiner Kinder einfach überlebt. Wer nicht hören will, muss fühlen. Das muss man verhindern, dass Unschuldige und die nächste Generation ausbaden, was die jetzige Generation anrichtet. Amen.

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