Predigt vom 07.07.2018 Abgelehnt

2018_07-07_14._So._i.J.

Schrifttext: Mt 6,1-6

Abgelehnt

Liebe Schwestern und Brüder,

„sie nahmen Anstoß an ihm“,

Verstossbarkeit!! Ablehnung!! Jesus muss sie erfahren berichtet heute das Evangelium. Haben sie das in ihrer Biographie auch schon erlebt, verstossen, abgelehnt zu sein?

Von meinem 10. bis 18. Lebensjahr war ich Schüler eines Internats. Da wir oft monatelang nicht nach Hause durften, wurden viele von uns von Heimweh geplagt. Aber noch schlimmer als Heimweh war die Erfahrung der Verstossbarkeit. Für die Mitschüler, die in einer Internatsgruppe oder in einer Klassengemeinschaft ausgegrenzt wurden, war das Leben eine Hölle. Häufig wurden sie von Mitschülern körperlich gequält. Aber schlimmer noch war die Isolierung, sich also ganz allein zu fühlen mitten in der Gruppe, z.B. mit zig Mitschülern im Studier- oder Schlafsaal.

Solche ausgegrenzten Kinder hielten es in der Regel nicht lange in unserem Internat aus und verließen die Einrichtung oft sehr schnell.

Verstoßbarkeit! Ablehnung! Kein Geschöpf kann sie ertragen. Du kannst nicht einmal ein Pferd allein auf die Weide stellen, ohne dass es depressiv wird. Und der Mensch ist noch viel mehr als manche Tiere ein Gemeinschaftswesen.

Im Lebensbericht einer Frau, die 1938 mit ihrer jüdischen Familie aus Deutschland fliehen mußte, las ich, dass ihr Flüchtlingsschiff viele Monate lang vor der amerikanischen Küste lag, ohne Einlass in einen Hafen zu finden. Kein Mensch wollte diese Flüchtlinge haben. Und so schreibt diese Frau: „Das schlimmste war für mich war nicht die Flucht aus Deutschland, die erbärmlichen hygienischen Verhältnisse, der ständige Hunger, der Durst auf dem Schiff.  Das Schlimmste war die Erfahrung, verstoßen zu sein, nicht gewollt zu sein, jeden Tag sagen zu müssen: Entschuldigt bitte, dass ich lebe. Verstossen zu sein, ist für den Menschen schlimmer als der Tod, sagt H.E. Richter.

 

Und dann habe ich mich erinnert an den Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der in seiner berühmten Rede 1985 zu 40 Jahre Kriegsende gesagt hat: „Ein Land wie das unsere, das einmal ein ganzes Volk aufgrund seiner Rasse verstoßen und sogar in die Gaskammern geschickt hat, darf niemals Asylbewerbern heutiger Tage die Tür zuschlagen.“ Was haben sie den Bundespräsidenten für diese Rede gelobt. Und heute?  Amerika schottet sich ab, ein europäischer Staat nach dem anderen tut das Gleiche. Und während Politiker die Asylfrage zur Machtfrage machen, sind in der letzten Woche wieder 120 Flüchtlinge, darunter Kinder, schwangere Frauen im Mittelmeer ertrunken. Das Christentum rettet man nicht, wenn man Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufhängt, sondern nur, wenn man Menschen rettet. Denn Christus hat doch gesagt: Was ihr den geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt. Das habt ihr mir nicht getan. Ich muss aber auch sagen, dass ich unsere Bundeskanzlerin im Augenblick bewundere, wie sie gerade auf Grund der Erfahrung der Nazizeit versucht, ein Rest von Offenheit in Europa zu retten und nicht müde wird, von Staat zu Staat zu gehen.

 

Verstoßbarkeit, Ablehnung erfährt Jesus auch im heutigen Evangelium. In seinem Heimatort Nazareth wird er regelrecht rausgeschmissen. Was haben wir denn mit dem zu tun, der ist doch bloß aus einfachen Haus, ein Zimmermann.sie nahmen Anstoß an ihm.  Und was macht Jesus? Er geht weg. Aber er ist nicht beleidigt. Er tut etwas anderes, er geht zu den Kranken.

 

Weil es keine Krankenhäuser gab und keine Ärzte, waren Kranke im damaligen Israel vor die Stadtmauern verbannt, wegen der Ansteckungsgefahr. Und wie ist das heute? Wer einen anderen verstößt und ausgrenzt, hat immer auch Angst vor der eigenen Verletzlichkeit, die er nicht wahrhaben will.

Jesus durchbricht diese Tabugrenze und will damit sagen: Gott ist bei den Verstoßenen. Jesus bringt die Botschaft: „Ich verstehe deine Isolation, deine Einsamkeit, denn mir selbst ist es bei meinen eigenen Verwandten genauso gegangen. Deshalb sage ich Dir: Je ausgegrenzter du bei Menschen bist, desto mehr hast Du einen Platz bei Gott.“ Das ist das letzte Geheimnis der Menschwerdung Gottes: Er kennt all unsere Erfahrungen, auch die ganz bitteren. Er hat sie selbst erlebt bis zur Folter, bis zum Gottesmord. Darum können wir ihm die Abgründe unseres Lebens anbieten.

Es war für mich ein ergeifendes Bild, wie die in der letzten Woche die Flüchtlinge, die  das Schiff Aquarius gerettet hatte, die so schwere traumatische Erfahrungen gemacht hatten, anfingen zu beten, Gott zu danken und tief aus dem Herzen kommende Choräle sangen.

 

Es ist mir im  Internat nicht oft passiert, dass ich mich abgelehnt oder ausgegrenzt fühlte. Aber wenn es geschah, dann habe ich mich abends in die Kirche geschlichen und mich in innerer Meditation und Gebet von Gott trösten lassen. Diese Erfahrung hat stark gemacht.

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