Predigt vom 31.12.2025 – Silvester Vincenzkrankenhaus

Liebe Schwestern und Brüder,

„Der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.“ So beginnt ein Neujahrslied, das der Theologe und Dichter Jochen Klepper zu Neujahr 1938 gedichtet hat.

Wie war für uns das Jahr 2025, eher belastend oder eher ein Segen? Vielleicht hat jemanden die Last einer Krankheit eingeholt und er/sie musste die Weihnachtstage im Krankenhaus verbringen. Oder es ist in der Nähe jemand gestorben. Trauer ist eine schwere Last. Möglichweise gab es auch Konflikte, einen Streit der nicht ausgräumt werden konnte und jetzt redet man nicht mehr miteinander. Man würde ja so gern um Vergebung bitten, aber der andere hört mir nicht mehr zu, er ist für mich unerreichbar.Die Last der Sprachlosigkeit. Eine andere Last ist die des Versagens. Eine Mutter erzählte mir von Ihrem Sohn. Nach acht Semestern hat er das Jura-Studium abgebrochen und weiß jetzt gar nicht mehr, was er machen soll. Hängt nur noch tatenlos rum. Es droht Alkoholsucht. Die Liste dieser persönlichen Belastungen ließe sich fortschreiben, von der Arbeitslosigkeit die droht bis zur Miete, die man nicht mehr bezahlen kann. Wie sehr hofft man doch, dass sich das alles 2026 in Segen verwandelt.

Ganz besonders  gilt das auch für die großen Lasten, mit denen wir auf der Ebene der Weltpolitik zu kämpfen haben. Das Klima, das immer mehr den Bach runtergeht, Trump der macht was er will, die gierigen Despoten, die auf Menschenleben keine Rücksicht nehmen wie immer noch in der Ukraine, im Sudan und so vielen Orten, die deutsche Wirtschaft, die schon seit Jahren im Tief hängt. Lasten allerorten.

„Der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen.“ Können wir mit dieser Verwandlung rechnen?

Jochen Klepper, der dieses Lied geschrieben hat, stand 1938 selbst unter ganz schweren Belastungen. Er war im Dritten Reich verheiratet mit einer jüdischen Frau. Wenn er weiter als Dichter arbeiten wollte, musste er sich von ihr trennen. Er tat es nicht. Er hat sich zu seiner Frau bekannt und war schweren Repressalien ausgesetzt. Er fand keinen Verlag mehr, der mit ihm arbeiten wollte. Überall wurde er schikaniert. Er wußte, dass das kommende Jahr 1938 nur noch mehr Probleme bringen würde. Er schreibt also dieses Lied in größter Not. Er sieht nur einen Ausweg, sich in dieser Not an Gott zu wenden. Und darum heißt es in Strophe 4

Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist.
Du aber bleibest, der du bist,

 in Jahren ohne Ende.
Wir fahren hin durch deinen Zorn,
und doch strömt deiner Gnade Born
in unsre leeren Hände. 

Klepper ist sich unsicher, was aus ihm werden wird in der Zukunft. Niemand kennt seines Jahres Frist. Wie lange dauert mein Leben? Es kann alles  noch Jahre gut gehen oder aber auch sehr bald in der Katastrophe enden. Gerade wegen dieser Ungewissheit ist es wichtig, einen festen Anker zu haben. Und das ist dieser Gott, der bleibet, wer er ist in Jahren ohne Ende. Klepper konnte auch nicht sagen, wie lange die Nazizeit noch währte, ob er, seine Frau und seine Kinder sie überleben würden. Aber es war ihm wichtig, sich an diesem ewig gültigen Gott zu halten. Uns geht es doch ähnlich. Wir wissen nicht, was das Jahr 2026 bringt, und wie die nächsten Jahrzente sich gestalten werden. Aber wir wissen heute, dass das tausendjährige Nazireich untergegangen ist. Wir wissen auch, dass die verheerende Dealpoltik nicht nur aus Amerika, die Menschen für Geld opfert, nicht ewig bestehen wird, dass irgendwann auch der russische Imperialismus ein Ende hat, dass die Respektlosigkeit der Menschen vor der Schöpfung entlarvt wird und sich wieder wandelt in Ehrfurcht, wir wissen, dass unsere persölichen Ängste sich wandeln können in Vertrauen. Denn alles vegeht, nur der Ewige, der besteht. Und wir mit ihm, wenn wir ihm trauen. Denn weiter heißt es in diesem Neujahrslied

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:

 bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,

 damit wir sicher schreiten.
 Herr nimm uns dieses Jahres Last!

Für uns persönlich heißt das, wir können alles von 2025 zurücklassen, es Gott überlassen, auch alles, was nicht gelungen ist, was wir vielleicht an Zeit vergeudet oder zugemüllt haben mit blödsinnigen Konsum. Es wird sich irgendwann wandeln in Segen, selbst wenn wir sterben. Jochen Klepper und seine Frau haben die Nazizeit nicht überlebt. Irgendwann im Dezember 1942 stand ihre Deportation in ein Vernichtungslager an. Um sich diesen furchtbaren Weg in den Tod zu sparen, sind sie am Abend vor dem festgesetzten Termin in den Freitod gegangen. In seinem Abschiedsbrief hat Keppler als letztes den Satz geschrieben: „Über allem steht der segnende Christus.“ In den nächsten Tagen gehen die Sternsinger durch diese Stadt. Sie bringen diesen Segen und erinnern uns daran, dass dieser segnende Christus in allem bestehen wird. Amen.


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