Predigt vom 15.07.2018 – Abergeister

2018-07-15-15. So.- i.- J. – Zu Mk 6,1-7

ABER-Geister

Liebe Schwestern und Brüder,

kürzlich traf ich eine Frau, die mir von ihrer 20-jährigen Tochter erzählte. Ich nenne sie hier Katja. „Unsere Katja,“ sagte sie „hat überhaupt keine Idee für ihr Leben. Jetzt hat sie schon die vierte Ausbildung abgebrochen. Von ihrem Freund hat sie sich auch getrennt. Sie hängt nur rum, verliert immer mehr die Lebensenergie, hat zu nichts mehr Lust. Ich glaube, sie wird richtig depressiv. Auf jeden meiner Vorschläge reagiert sie mit Widerstand, manchmal sogar aggressiv. Bei einer Aufforderung, z.B. Bewerbungen zu schreiben, sich irgendwo vorzustellen, sagt sie: Aber, immer wieder aber, aber, aber, aber … Nichts geht bei ihr.

Die Bibel spricht von Dämonen, die manche Fachleute mit Abergeistern übersetzen. Die Abergeister, die immer wieder „aber“ sagen, die tausend Bedenken haben, besetzen und frustrieren ganz leicht unser Leben. Sie hindern uns daran, das Leben anzupacken, zu wagen wie bei Katja. Im Evangelium sagt Jesus heute: Geht zu den Menschen, sagt ihnen „Gott ist nahe“ und befreit sie von den Abergeistern. Von den Abergeistern befreien? Die Mutter der Zwanzigjährigen wird mir sagen: Sie haben gut reden, das habe ich schon tausend Mal versucht, hat nie geklappt.

 

Darauf habe ich mit der Frau besprochen, dass es manchmal gar nicht angebracht ist zu reden, zu fordern, Druck zu machen. Denn die Abergeister sind immer stärker. Oft kann man einfach nur schweigen und aushalten, in Liebe zum eigenen Kind aushalten. Und sich vielleicht abends ans Fenster zu stellen und zu Gott sprechen: „Lieber Gott ich bin so ohnmächtig. Ich komme an mein Kind nicht mehr ran. Ich vertraue Dir meine Tochter an.“ Da sagte die Frau: „Was glauben Sie denn, was ich jeden Tag mache? Ich stelle sie immer wieder in das Licht Gottes.“ Das ist im Moment das einzige, was hilft.

 

Liebe Mitchristen, ist das naiv, ist das vielleicht der Gipfel der Ratlosigkeit, wenn ich in einem seelsorglichen Gespräch einem Menschen sage: Vertrau auf Gott? Ist das die Kapitulation des Seelsorgers, weil er nichts anderes mehr zu sagen hat?

Ich denke, dass ich keinem Menschen die Verantwortung abnehmen kann, wie er sein Leben definiert. Sehe ich mein Leben Gott gewollt? Ist es von Gott geführt? Folge ich in meinem Leben einer Platzanweisung Gottes? Oder ist das egal? Es gibt für mich diese Instanz von oben nicht, und ich bin ganz allein auf mich gestellt?

 

Die Mutter sagt: Meine Tochter hat keine Idee für ihr Leben. Ich finde das eine schöne Formulierung, dass jeder Mensch eine Idee für sein Leben braucht, etwas, was ihn zieht im Leben. Vielleicht ist es die Liebe eines Menschen, eine besondere Fähigkeit, ein soziales Engagement. Diese Ideen kann man ihm nicht einreden. Man kann einem kleinen Menschen von Kindesbeinen nur helfen, sein Leben zu entdecken. Und Taufe meint doch: es gibt eine Kraft, die kommt von außen, die ist nicht von Menschen gemacht, die ist ihm im Laufe der Evolution mitgegeben, die verwurzelt ihn im ewigen Dasein des Lebens. Deshalb ist das keine Kapitulation vor dem Leben, wenn die Mutter von Katja sagt: Ich bin ohnmächtig, aber ich gebe sie jeden Tag an Gott ab. Damit verwurzelt sie sie eigentlich in der absoluten Fülle der Liebe.

 

Liebe Mitchristen, welche Idee haben Sie für ihr Leben. Ich persönlich frage mich das jeden Tag und bringe diese Frage in einer halben Stunde Schweigen täglich vor Gott: Lieber Gott, welche Idee hast Du heute für meinen Tag. Da kommen wieder so viele schwierige Begegnungen, Gespräche auf mich zu? Welche Idee hast Du, Gott? Ich kann nicht sagen, dass Gott mir dann eine direkte Antwort gibt. Aber ich erhebe mich doch ein Stück gestärkt aus dieser halben Stunde. Und wenn dann die Abergeister sich melden und tausend Einwände haben, dann bin ich gelassener und kann ihnen etwas mehr widerstehen.

 

Gott,

das bitte ich dich

dass Du dich ihnen zeigst,

auch den jungen Menschen,

mit Sympathie und Herzenswärme,

als Grund ihres Selbstbewusstseins,

damit sie nicht zerbrechen an

den ewigen Abergeistern

die so frustrieren und resignieren lassen

damit sie nicht ersticken

an dem Müll aus so vielen Medien,

erblinden am Glamour der Werbung,

ertauben am Lärm der Einpeitscher,

verdummen vor den Bildschirmen,

um dann den Tod

der Beziehungslosigkeit zu sterben,

sondern sich erheben zu dem

Leben, dass Du ihnen am Beginn ihrer

Evolution eingehaucht hast

und sie deiner Platzanweisung

auf dieser Erde folgen.

Amen.

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