2018-06-17_Rede_am Ehrenmal_zum Schützenfest
Fragt uns, wir sind die letzten, wir sind zu ständig
vor hundert Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende, vor 73 der 2. Weltkrieg. Die letzte Generation, die das Grauen noch persönlich miterlebt hat, ist hoch betagt und stirbt langsam aus. Sie fordert uns auf:
Fragt uns, wir sind die letzten, wir sind zuständig
wir tragen die Todesschreie unserer Freunde in uns,
sie haben sich eingebrannt in unser Gehirn,
und wandern durch unsere Albträume
in jenen endlos schlaflosen Nächten.
So lange konnten wir nicht erzählen von
der täglichen Angst in den Schützengräben
der Not der qualvoll Gefolterten
hinter den Stacheldrähten der Lager,
den entstellten Leibern der Erschossenen
der um ihr junges Leben Betrogenen
durch die Autokraten der Willkür.
Fragt uns, wir sind die letzten, wir sind zuständig
wir haben keine Zeit mehr. Wir werden bald sterben.
Fragt uns, damit ihr dann hinausschreit,
was wir erlebt haben, und was niemals
hätte geschehen dürfen,
schreit es hinaus, damit es
künftig nie wieder passiert, in alle Ewigkeit nie wieder
Die letzte Kriegsgeneration stirbt langsam aus. Jetzt liegt es an uns und allen nachfolgenden Generationen, weiterzuerzählen, was sie erlebt haben. Jetzt sind wir zuständig… Denn Sozialwissenschaftler sagen uns: Die größte Gefahr für einen neuen Krieg liegt in dem Vergessen, wie grausam und menschenverachtend Kriege sind. Gerade heute sind wir zuständig, wenn z.B. ein Politiker sagen kann, diese Nazizeit sei nur „ein Vogelschiss“ in der ansonsten glorreichen deutschen Geschichte gewesen. 50 Mio Tote auf den Schlachtfeldern abgeschlachtet, in den Lagern ermordet… nur ein Vogelschiss??? Blasphemie ist das, Gotteslästerung sind solchen Worte.
Fragt uns, jetzt sind wir zuständig. Lasst die Denkmäler des Krieges nicht tote Denkmäler bleiben. Als mein Vater 1943 in Russland schwer verwundet wurde, schrieb er über diese Erfahrung später im Lazarett nach Hause: „Da habe ich die Engel im Himmel singen gehört.“ Immer muss ich an diesen Satz denken, wenn ich das Siddinghausener Denkmal mit dem Engel sehe. Sie waren damals jeden Tag den Engeln so nahe. Und manchmal denke ich, wäre damals eine Kugel nur einen Millimeter mehr nach rechts oder links gegangen, dann hätte mein Vater nicht überlebt. Und dann, und dann lebte ich heute auch nicht.
Mein Gott, welche Gnade ist es doch zu leben und welche Verantwortung liegt darin für jene, die heute um ihr Leben, um ihre Heimat und um ihre Nahrung betrogen werden.
Fragt uns, wir sind die letzten… Der von den Nazis so furchtbar gefolterte und getötete Widerstandskämpfer und Jesuit Alfred Delp hat 1945 in seinem letzten Brief an seine Eltern geschrieben: Wir sterben, damit ein besseres Deutschland lebe. Wir sind heute das bessere Deutschland. Aber sind wir wirklich besser, oder haben wir es nur besser? Jedenfalls verpflichtet uns unser besserer Lebensstandard nicht zu vergessen und diesen Standard mit denen zu teilen, die heute wieder millionenfach zu Opfern werden. Fragt uns: Wir sind zuständig.