Predigt vom 31.12.2021 – Silvester

2021-12-31-Silvester

Liebe Schwestern und Brüder,
„Der du die Zeit in Händen hast, Herr nimm auch dieses Jahres Last und
wandle sie in Segen.“ So haben wir gerade im Lied gesungen.

Die Last, die uns in diesem vergehenden Jahr alle belastet hat, war
wieder das Coronavirus. Dabei waren doch vor einem Jahr gerade die
Impfmöglichkeit entdeckt worden und hatte uns alle die Hoffnung
gegeben: Na ja im Sommer sind wir mit dem Virus durch. Puste Kuchen.
„Leben ist das, was passiert, während du gerade dabei bis andere Pläne
zu machen.“ Hat John Lennon gedichtet. Delta, Omikron hatte keiner auf
dem Plan zur Jahreswende 2020,21.
Hat sich für uns diese Viruslast in Segen verwandelt, wie das Lied
beschwört? Oder nicht doch eher in Frust, Resignation, in die Spaltung
nach Impfgegnern und Impfbefürwortern, in die unselige Aggressivität
der Querdenker?
Bisher hatten wir gedacht, Epedemien oder gar Pandemien, die finden
nur in Afrika, Asien, Bangladesch, in den Hinterhöfen dieser Welt statt,
aber doch nicht in unserer Luxusgesellschaft. Jetzt stellen wir plötzlich
fest, auch mein Leben ist bedroht. Ich kann ja schon morgen im
Krankenhaus laden oder in wenigen Monaten oder Jahren sterben.
Manche Menschen bringt das in Panik. Sie trauen sich kaum noch aus
dem Haus. Das Leben erscheint plötzlich sehr zerbrechlich.
Was soll an dieser Erkenntnis Segen sein.
Vielleicht die Erfahrung, alles Leben ist geschenkt, gratis. Es liegt ein
großer Zauber darin, dass ich heute morgen wieder erwachen durfte.
Und es ist viel zu schade, dass ich griesgrämig durch den Tag gehen
und den Menschen auf den Zeiger gehen. Gestalten wir ihn in
Dankbarkeit und stecken wir uns an mit Lebensfreude.
Nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Belastend war
in diesem Jahr der Tod von Menschen für die Angehörigen. In dieser
Gemeinde sind 12 Menschen gestorben auf sehr unterschiedliche
Weise, manche nach langem Leiden, andere ganz plötzlich oder unter
schwierigsten Coronabedingungen. Ganz junge Menschen, in unserer
Gemeinde ein Kind von 9 Jahren. In Brenken wurde ein siebenjähriges
Kind durch ein Kreuz erschlagen. Und dann stehst Du plötzlich vor der
Frage: Was sagst du den Angehörigen, wenn ein Kind stirbt. Da kann ich
nicht einfach daher kommen und vertrösten: Gott wird schon sorgen, er
wandelt Tod in Segen, in Auferstehung. Ausgerechnet, ein Kreuz, das
seit 2000 Jahren ja für etwas Gutes, für den Segen steht wird zum
Abgrund? Das verschlägt mir den Atem und läßt meine Hand beim
Kreuzzeichen erstarren, wenn ich diese Situation zu nah an mein Gefühl
ranlassen. Nun gibt es viele weltliche Erklärungen, dass da bauliche
Mängel in Spiel waren und jeder Tod eine natürliche Ursache hat. Aber
das verändert ja nicht, das verwandelt ja den unendlich Schmerz nicht.
Das kann ich oft nur sprachlos aushalten. O wie ja auch Gott in Jesus
das Leid nicht wegzaubern, sondern es nur bis zum letzten Ende mit uns
aushalten konnte.
Aber es sind in diesem Jahr auch Kinder geboren, sechs Taufen. Acht
Kinder gingen zur Erstkommunion. Sind Kinder her Last oder Segen? Ich
habe bei diesen Feiern gemerkt. Diese Kinder strahlen ins Leben. Aber
es ist auch Zeit nachzudenken, umzudenken wegen der Zukunft der
Kinder. Beim weihnachtsbesuch hatte ein Neffe von mir, 27 Jahre alt ein
Buch in der Hand mit dem Titel: Die Welt im Jahre 2050. Und ich habe
gedacht. Ich lebe dann nicht mehr, aber der Neffe wahrscheinlich doch.
Wenn wir so weiter machen wie bisher – stand da geschrieben – dann
sieht es spätestens für die dann lebende Generation ziemlich düster aus.
Die Erkenntnis ist, jetzt haben wir Verantwortung, mit allen uns zur
Verfügung stehenden Energien und Verzichtsmöglichkeiten die
Schöpfung auf diesem kleinen Planeten zu bewahren und dafür zu
sorgen, dass die Zukunft kein Horror, sondern Segen wird, jede und
jeder an seinem Ort.
Das ist, denke ich, doch auch der Wusch für das kommende Jahr, dass
wir in dieser Weise zum Segen werden. Und eine Kirchengemeinde hat
die Aufgabe, dafür Impulse zu geben und Rahmenbedingungen zu
schaffen. Darum habe ich mich gefreut, dass wieder ein neuer
Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat gewählt worden sind und jetzt
schon das starke Bemühen zu spüren ist: Wir wollen auch weiter dafür
sorgen, dass Menschen sich versammeln im humanitären Geiste Christ,
der lebensstärkend ist du die Sensibilisierung durch Umweltmaßnahmen
wie Schöpfungsgottesdienste oder Baumpflanzaktionen fortsetzen.
Darum möchte ich allen danken, die in diesem vergehenden Jahr in der
Gestaltung der Liturgie, den caritativen Aufgaben, in den Verbänden, wo
auch immer dafür gesorgt haben, dass Gemeinde besteht und auch
unter diesen schwierigen Bedingungen bisweilen begeistern kann.
Und wandle dieses Jahres Last in Segen… Obwohl ich nicht begreife,
was da in Brenken passiert ist, glaube ich an den Segen. Jochen
Klepper, der dieses Lied 1938 gedichtet hat, und dem wir viele Gedichte
und Romane verdanken, hatte ein jüdische Frau. Als die 1942 durch die
Nazis in die Vernichtungslager deportiert werden sollte, hatte er mit ihr
gemeinsam den Freitod durch den Gasherd gewählt. Als letzten Satz hat
er ins ein Tagebuch geschrieben: „Wie gehen heute Nacht gemeinsam in
den Tod; aber über uns steht das Bild des segnenden Christus, der um
uns ringt.“
6. Strophe vom Lied 257


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