Predigt vom 26.6.2022 – Auf mich zu

Auf mich zu

Lk 9, 51-62

Liebe Schwestern und Brüder,

In China gibt es einen gefährlichen Strom. An einer bestimmten Stelle kamen die Schiffe immer wieder zum Kentern und verloren ihre wertvolle Ladung. Fachleute haben die Strömung erforscht und an einer genau berechneten Stelle im Strom einen Felsen aufgestellt. Darauf haben Sie die Worte „Auf mich zu!“ geschrieben. Zunächst sieht es so aus, als ob der Fels nur im Wege steht. Aber jeder Bootsfahrer, der sein Schiff auf den Felsen zu lenkt, kommt heil durch die Strömung und Untiefen hindurch. Der Felsen gibt Orientierung und hilft ihm, die gefährlichen Stellen zu vermeiden.

Heute leben wir in Zeiten, die turbulent sind, in denen wir ins Schwimmen geraten. Da rückt ein Krieg immer näher, löst unendliches Unheil aus für so viele unschuldige Menschen in Osteuropa. Da scheint es für die meisten  Menschen in unserem Land, die gut situiert leben, noch verkraftbar zu sein, wenn die Preise überall steigen. Und noch ist nicht Winter und die Heizung wird nicht gebraucht. Aber das Leben ist unsicherer geworden. Denn auch in unserem seit 80 Jahren so sicheren Land wissen wir nicht, was die Zukunft bringt, ob der Natur noch zu trauen ist: Hochwasser im Ahrtal, Brände in Brandenburg, Tornado-Hurrican sogar in Paderborn.

Je älter ich werde, desto stärker spüre ich auch, dass Menschen in meiner Generation auch in ihrem persönlichen Leben ins Schwimmen geraten. Gute Freunde oder  Verwandte haben plötzlich ein bösartiges Karzinom, das über Nacht aufgetaucht ist und das ganze Leben aus dem Lot reisst.

Auch unsere Kirche ist total ins Schwimmen geraten. Die Älteren von uns sind mit einer Kirche aufgewachsen, die uns Woche für Woche zu Gottesdiensten rief, zur Beichte und Lebensreflexion, zu einem Leben mit Werten wie Güte, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Trost, Hoffnung und Wahrhaftigkeit aufforderte. Ist das nicht alles verloren? Die Glocken läuten zwar noch, aber in Wirklichkeit schweigen sie, weil nicht mehr gehört. Die Kirchenaustritte steigen ins Unermessliche. Viele Verant-wortliche haben die Glaubwürdigkeit verloren, schämen sich und sind ratlos, was zu tun ist.

Auf mich zu? Wer gibt da an, wo es hingeht in diesen Turbulenzen, wer gibt Orientierung an Werten. Einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, fragte in letzter Woche: Soll es Leuten wie Elon Musk von Tesla, Jeff Bezos von Amazon oder Bill Gates von Microsoft überlassen werden, die globalen Werte zu bestimmen? Ist es allein die  Bertelsmannstiftung, die die sozialen Diskurse beeinflusst?

Woraufhin bewegen wir uns im Leben, wem folgen wir? Sind die Menschen dieser acht Jahrzehnte nach dem Krieg nicht immer wieder denen mit den Dollarzeichen in den Augen gefolgt und haben sich hineinziehen lassen in alle Strömungen von Wohlstand und Konsum?

Jetzt spüren wir, das reicht nicht. Es muss mehr geben als das, was man kaufen kann.

Im Evangelium bietet Jesus an „Folge mir“, und zwar konsequent, ohne jede Ausrede. Folgt nicht denen mit den Dollarzeichen, Folgt mir!

Was der Unterschied ist, beschreibt Heinrich Böll.

Heinrich Böll ist 1976 aus der Kirche ausgetreten, weil er seine Mitgliedschaft nicht abhängig machen wollte vom Zahlen der Kirchensteuer; er wollte selbst entscheiden, wofür er sie zahlen wollte. Der Austritt bedeutete aber nicht, dass er Christus über Bord geworfen hätte. Er hält Christus in dieser Welt nach dem 2. Weltkrieg für wichtiger denn je.
„Ich überlasse es jedem Einzelnen“, so Böll, „sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder eine Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: Den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erscheinen.“ In der heidnischen Welt Putins gibt es keinen Raum für die Opfer.

Kürzlich erzählte mir eine Altenheimmitarbeiterin, die in einem meiner Kurse zur Seelsorgerin ausgebildet worden war, dass sie große Angst vor einer Operation hatte. Am Abend davor fragte sie der Chefarzt, ob sie religiös sei und woran sie glaube. Sie antwortet: An Jesus Christus. Darauf antwortet der Chefarzt: Dann wissen Sie doch, woran Sie sich halten können. Mit dem Stoßgebet `Jesus geh mit´ kam Gelassenheit auf sie zu.  — Auf mich zu.

Deutschland ist Missionsland geworden hat der Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp schon während der Nazizeit geschrieben. Die Kirche dürfe sich nicht zurücklehnen mit gut dotierten Pfarrer- und Prälatengehältern, sich einmauern in unveränderbaren  Dogmen, Prinzipien und Zeremonien, nein, sie müsse Christus suchen in den gequälten Menschen dieser Tage und in der geschundenen Kreatur. Wenn sie das nicht tue, werde man ihr nicht mehr glauben.“


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