Predigt vom 17.10.2021 Die ersten – die Letzten

2021-10-17 29. So.i.J. – Mk 10, 35 -45

Die ersten, die letzten

Liebe Schwestern und Brüder,

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Dieser Satz ist wie eine Klatsche für die Jünger. Sie hatten sich gerade Gedanken darüber gemacht, wie wichtig sie doch sind, und dass sie in der Firma oder in der Partei dieses Wanderpredigers von Nazareth, der so gut bei den Leuten ankam, zumindest einen Vorstands-oder Ministerposten verdient hätten.

Aber Jesus wollte eine Religionsgemeinschaft der Begegnung. Eine Gemeinschaft ohne Oben und unten, ohne Hierarchie, eine egalitäre Gemeinschaft. Denn seine Vorstellung vom Reich Gottes gilt nicht nur für das Jenseits, sondern auch für diese Welt. In diese Gesellschaft kann man eintreten ohne jede Vorbedingung, ohne Passwort, Ausweis oder Beichtverhör. Das ist die Gesellschaft der Gleichwertigkeit, der Egalität von Menschen. Denn was bei uns oft als so besonders gilt, zählt bei Gott nicht: Die Titel, die Orden, die 1a – Zeugnisse und Zertifikate, der Glanz einer Halskette oder die Höhe einer Mitra, all das interessiert diesen Jesus nicht. Ihn interessieren allein die Person und die Menschlichkeit. Das ist das Herzstück unseres christlichen Glaubens.

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Was heißt das in dem Zusammenhang? Er wusste, dass es ihn das Leben kosten würde, wenn er weiter so eintrat für die Schwächsten und die da oben kritisierte, die Reichen, die Parteibonzen, die Religionswächter, die Pharisäer und Schriftgelehrten. Aber das wollten die Jünger nicht, nach unten gehen und dabei womöglich noch wie Jesus ihr Leben zu riskieren. Sie wollten allein gut dotierte Posten.

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Was heißt das heute? Christen von Belarus über Afghanistan bist nach Nordkorea machen die bittere Erfahrung, für den Einsatz für die da unten und für das Bekenntnis des eigenen Glaubens, die Freiheit und manchmal auch das Leben aufs Spiel setzen zu müssen. Und manchmal ertappe ich mich bei dem Gefühl, froh zu sein, dass ich meine Existenz und meinen Glauben im freien Wohlstandsland leben darf.

Aber einmal habe ich die Erfahrung gemacht, was es heißen könnte, seinen Kelch zu trinken und dabei zurückzuschrecken.

Im Jahre 1998 war ich in Ghana/Afrika und habe dort unsere Partner-station und das Krankenhaus Urwald besucht, wo damals die aus Weiberg stammende Schwester Elisabeth Happe Oberin war. Wir beschlossen, die nicht weit entfernt liegende Elfenbeinküste zu besuchen, den Nachbarstaat von Ghana. Die Elfenbeinküste war damals schon ein diktatorischer Staat mit permanenten Bürgerkrieg. An der Grenze mussten wir umfangreiche Einreiseformulare ausfüllen. Da geschah es, dass ein 12-jähriger Junge einer Frau eine Banane stahl und damit fortlief. Zwei Grenzsoldaten verfolgten ihn, holten ihn ein und schlugen ihn brutal zusammen. Mit Handschellen ketteten sie den Jungen an das Bein des Tisches, auf dem wir gerade unsere Dokumente ausfüllten. Der Junge weinte bitterlich und immer, wenn er den Kopf unter dem Tisch hervorhob, schlug ihn ein Grenzbeamter mit dem Gummiknüppel auf den Kopf. Als ich unter den Tisch schaute, traf mich der Blick des Jungen, ein Blick voller Verzweiflung, ein einziger Hilfeschrei. Ich merkte, wie eine unsägliche Angst in mir hochstieg. Bloß mich jetzt nicht rühren, bewegen. Eigentlich musste ich mich doch für den Jungen einsetzen. Das war doch meine christliche Pflicht. Aber ich konnte es nicht, die Angst war größer. So landete der Junge wahrscheinlich im Gefängnis wegen der Lappalie eines Bananendiebstahls. In mir blieb das sichere Gefühl, dass Jesus an dieser Stelle wahrscheinlich nicht geschwiegen hätte. Auf unserem weiteren Weg im Pickup rechtfertigten wir uns: Dass wir nichts hätten erreichen können, dass der Junge sowieso sein Schicksal erlitten hätte, es also nichts genutzt hätte, den Mund aufzumachen. Rationale Gründe, aber die Gewissenbisse können sie nicht beruhigen. Da kann ich nur um Verzeihung bitten: Jesus, erbarme dich meiner Schwachheit.

Und ich frage mich, wer war hier gefesselt? Der Junge an das Tischbein, oder unsere Seele an die Angst? Die Situation von damals ist vorbei. Ich kann sie nie wieder einholen. Aber ich kann daraus lernen. Lernen, mich mit meinem Glauben sichtbar zu machen. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der es zunehmend Menschen peinlich wird zur katholischen Kirche zu gehören, mein Bekenntnis zum Glauben sichtbar zu machen, z.B. darauf hinzuweisen, wie viele Menschen auch in unserem Land die Caritas, also die Nächstenliebe konkret leben oder dass das Gesundheitswesen in Afrika längst kollabiert wäre, wenn es die vielen christlichen Hilfswerke dort nicht gäbe. Am nächsten Sonntag ist Weltmissionssonntag. Jugendliche Christen aus Nigeria rufen uns zu diesem Sonntag auf:

Seid sichtbar, wir sind an vielen Orten unterwegs, wir sehen viel Schönes, Frieden und Zutrauen, wir sehen auch Missverständnisse und Gewalt, wir hören aggressive, laute Worte,

sieh dich um, du bist nicht allein, du siehst andere und du wirst gesehen,

sei sichtbar, du kannst einen Unterschied machen,

seid sichtbar, mischt euch ein, tut Gutes in nicht guten Situationen,

seht hin, wo ihr lieber wegsehen würdet,

seid sichtbar als Mutmachende, seid sichtbar als Hoffende, seid sichtbar als Botschafter und Botschafterin des Friedens, seht euch um, ihr seid nicht allein, ihr seht andere, ihr werdet gesehen, seid sichtbar, ihr könnt einen Unterschied machen. Amen.


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