Predigt vom 13.06.2021 – Beziehung und Erziehung

2021-06-13_11._So._i._J

Von der Beziehung in die Erziehung

Schrifttext Mk 4, 26-34

Liebe Schwestern und Brüder,

Reich Gottes ist eine Wirklichkeit im Menschen, die wachsen will, Gott will in uns wachsen. Darum spricht Gott vom Reich Gottes in Gleichnissen des Wachsens, Woran merken wir das, dass Gott in uns wächst? Daran, dass unser Selbstwertgefühl wächst. Was aber ist, wenn Menschen dazu nie eine Chance haben?

Ich möchte Ihnen dazu erzählen von Inger Hermann, einer Religions-lehrerin an drei Förderschulen in Stuttgart, die dort mit Kindern aus schwer belasteten Familien arbeitet, Kinder, die ständig geprügelt und oft missbraucht werden. Selbst geschlagen, schlagen diese Kinder andere, selbst geprügelt prügeln sie andere. Die verletzte Seele verwandelt sich in Aggression. Denn in jeder Faust steckt ein wimmerndes Herz, das nie Trost und Liebe erfuhr.

Für Inger Hermann ist der Religionsunterricht die Hölle. Jede Stunde, das volle Chaos. Sie schwankt von Verzweiflung in Ratlosigkeit und von Ratlosigkeit in Verzweiflung. Sie fürchtet, selbst abzustumpfen und kaputtzugehen.

Aber Inger Hermann nimmt sich in dieser Lage etwas ganz Besonderes vor. Sie sagt sich: Egal, was passiert, ich spreche vor jedem Unterricht ein Gebet und nach der Stunde einen Segen.“ Sie glaubt: wenn ich bei diesen Kindern schon nichts, null erreichen kann, so will ich sie doch immerhin Gott anvertrauen. Meistens gehen ihre Worte unter im Chaos. Aber in einer Klasse geschieht plötzlich etwas Unerwartetes: Der zwölfjährige Gianni schreit zum Ende der Stunde in die Klasse: „Halt`s Maul, jetzt kommt der Segen. Ich will in die Pause“ Inger Hermann fragt sich: Könnte es sein, dass Gott auch in diesen Kindern wächst?

Die Religionslehrerin erkennt: Es gibt in der Pädagogik nur einen Weg und der heißt: Von der Be-ziehung in die Er-ziehung. Aber kann man diese chaotischen Kinder lieb haben, die Wurzel ihrer seelischen Verletzungen erreichen?

Eines Tages geht sie mit der zwölfjährigen Alexa spazieren. Alexa war in ein Heim gekommen, weil sie fast täglich von ihrer alkoholkranken Mutter geschlagen und häufig vom Vater sexuell missbraucht worden war.

Es ist ein schöner Tag. Und Inger Hermann sagt zu Alexa: Ist das nicht wunderbar, diese Weite, das Leuchten der Sonne? Aber Alexa schaut nur zur Erde und sagt plötzlich: „Schauen sie mal da unten, das Gänseblümchen, mitten im Matsch.“ Die Religionslehrerin ist erstaunt: Tatsächlich, mitten im Schmuddelschlamm, jauchig vom Schafsmist, Zigarettenkippen, ein Gänseblümchen, aufrecht und weiß da stehend. Darin fand sich Alexa wieder.

Was sagt und diese Geschichte? Es gibt Menschen, aus denen wird nie eine blühende Orchidee, eine stolze Königskerze oder eine liebliche Rose. Menschen, die ein Leben lang zu kämpfen haben. Ihre Wurzeln bleiben kümmerlich, weil sie an der falschen Stelle geboren wurden, im Mist, im Schmuddelschlamm, in unsäglichen familiären Verhältnissen.

Aber auch ein Gänseblümchen ist eine Blume und wichtig für die Vegetation dieser Erde.

Von der „Beziehung in die Erziehung“ das heißt dann: Schau auf die Wurzeln, auf die Verletzungen, die Demütigungen, nimm den Menschen in seiner Einmaligkeit ernst, denn letztlich gründen auch seine Wurzeln im Himmel, kommt auch er von Gott. Das ist es, was einige dieser Kinder von Inger Hermann begriffen haben: „Halt`s Maul, jetzt kommt der Segen.“

Im Evangelium dieses Sonntags spricht Jesus vom Senfkorn, einem ganz kleinen Korn. Aber auch dieses Korn hat die Kraft zu wachsen in sich. Jesus war ein Freund der Kleinen und Schwachen. Ihnen wollte er Selbstbewußtsein vermitteln, damit auch sie im Leben reifen können wie Alexa.

Auch er schaut nach unten: auf die Kranken, die Schwachen, die Zertretenen, die im Matsch Geborenen. Das bleibt von jetzt an sein Programm. Immer wieder spürt er die Alexas, die Giannis, die Gänseblümchen am Wegesrand auf, beugt sich hernieder, heilt sie an ihrer kümmerlichen Wurzel durch Nähe und Zuwendung.

Von der „Beziehung in die Erziehung“: Das gilt nicht nur für die Förderschulen in Stuttgart oder die Rütlischule in Berlin, sondern für jeden menschlichen Lebensprozess. Brenne den Kindern dieser Erde ein, dass Du sie liebst, dass es oft trotz ihres seelisch Verhungertseins noch etwas anderes gibt: Eine Kraft, die sich Segen nennt, letztlich Gott oder Liebe heißt. Von diesem Grundsatz muss Pädagogik, muss Seelsorge ausgehen. Amen.

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