Predigt vom 1.8.2021 – Brot des Trostes

2021-08-01-18._So._i._J.- Brot des Trostes

Schrifttext: Joh. 6,24-35

Brot des Trostes

Liebe Schwestern und Brüder,

bei den olympischen Spielen in Tokio ist Deutschland nicht gerade mit Medaillen gesegnet. Eine der wenigen Goldmedaillen holte am letzten Dienstag die Wildwasserkanutin Ricarda Funk, eine ganz besondere Medaille. Ricarda Funk ist zu Hause im Ahrtal; da wo vor zwei Wochen sintflutartige Unwetter viele Menschen um ihre Existenz gebracht haben. Der Vater der Kanutin gab im tiefsten Schlamm stehend ein Interview und sagte darin: „In unsere Welt, die nur noch aus Geröll, Schutt, Dreck und Schlamm besteht, fällt mit dieser Goldmedaille ein Sonnenstrahl der Hoffnung.“  Wie ist das gemeint?

Wenn Menschen ein schwerer Schicksalsschlag völlig aus der Bahn reißt, dann ist nicht nur das Kücheninventar, das Wohnzimmer und womöglich das ganze Haus zerstört, dann liegt auch die Seele am Boden, ist zutiefst erschüttert. Die Frage brennt auf der Seele: „Warum trifft mich das, warum uns Menschen an der Ahr, während so viele an der Alme, an der Möhne, der Lippe, der Pader oder der Altonau verschont bleiben. In der Seelsorge nennen wir das das Leid hinter dem Leid. Und dafür sind in den Katastrophengebieten in diesen Wochen die Notfallseelsorger zuständig.

Was ist das, das Leid hinter dem Leid? Ich nenne ein Beispiel. Einmal sah ich, wie ein Kind von vielleicht vier Jahren mit einem Affenzahn über den Hof rannte und schwer stürzte. Es schlug sich das Knie auf und lief schreiend zur Mutter. Die Mutter nahm das Kind in ihre Arme, pustete über die Wunde und sprach beruhigend auf das Kind ein: Wird bald wieder gut. Die Mutter kann die körperliche Wunde nicht heilen, das kann nur die Medizin, die Salbe. Aber sie besänftigt, sie streichelt die Seele, das Leid hinter dem Leid. In der Sprache des heutigen Evangeliums heißt das, sie gibt dem Kind das Brot Jesu, das Brot des Trostes.

Die Notfallseelsorger in den Katastrophengebieten der Eifel und anderswo, auch die Freunde, die Verwandten der Betroffenen, sie können die Not nicht wegzaubern und den materiellen Schaden nicht beheben, aber sie streicheln mit ihrem Verständnis und ihrem Trost die Seele. Und ebenso all die anderen Menschen in Deutschland, die z.B. den Spendenaufrufen folgen, sie signalisieren ihnen: Ihr seid uns nicht egal, wie Ricarda Funk im fernen Tokio ihren Mitmenschen in der verwüsteten Heimat zurief:
Gemeinsam sind wir stark.

Das Leid hinter dem Leid. Am Freitagmorgen hörte ich im Radio einen Mann von 78 Jahren, der in seinem Dorf vieles verloren hatte. Der weinte richtig und sagte sinngemäß: Das mir das in meinem Alter noch passieren kann, ich habe doch schon so viel überstanden, und jetzt dies. Dieser Mann ist angeknackst in seinem Selbstwertgefühl, das in der Seele wohnt. Ich hatte den Eindruck: Die Art, wie die Radioreporterin mit dem alten Mann sprach, machte sie zu Seelsorgerin.

Einen Sonnenschein der Hoffnung, ein Streicheln der Seele, das Brot des Trostes, das brauchen nicht nur Menschen in solchen Katastrophen, das brauchen wir doch eigentlich täglich. Darum beten wir im Vater unser „Unser tägliches Brot“ gib uns heute. Da hat ein Enkelkind die Mathearbeit versemmelt. Auch dieses Kind ist womöglich in seinem Selbstwertgefühl, also der Seele erschüttert. Es braucht keine Vorwürfe, sondern ein Wort des Trostes. 

In all den Verlusterfahrungen des Lebens, den kleinen Enttäuschungen  des Alltags und den großen Schicksalsschlägen des Lebens, den Verlusten einer Beziehung, einer großen Liebe oder dem Konkurs des Vermögens, dem Verlust der Gesundheit in einer schweren Krankheit, lasst uns sprechen. Vater gib uns täglich das Brot, das wir brauchen, um weiterleben zu können. 

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, das beten wir jeden Tag,
und unser Tisch ist gedeckt.
Und der Kühlschrank voll, trotz Corona.
Doch die Seele hungert
nach wohlwollenden Blicken

Und sanft klingender Stimme,
nach offenen Armen und haltenden Händen,
nach Ohren, die hören und barmherzigen Herzen, nach Worten,
die aufrichten statt zu richten,

nach einem Gott, der liebt und vergibt.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“,
das beten alle Menschen auf der ganzen Welt,
aber bei vielen ist der Tisch nicht gedeckt.
Afrika, Südamerika, große Teile Asiens,
im freien Fall der Pandemie, ohne jeden Schutz,
überflutet von Sintfluten grassierender Epedemien, Heuschreckenschwärmen und endlosen Dürreperioden,
sie erleiden, was andere verbocken durch Gier und ‚Nie Genug‘
sie schreien nach Hilfe, Solidarität und Güte.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, das beten wir nicht nur für uns.
Denn es nicht mein Brot oder dein Brot, es ist unser Brot, unser aller Brot,

denn die Erde gibt, damit wir teilen dein tägliches Brot, Oh Gott verteilen helfen, wo es nötig ist, und alle dir danken können.


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